Von Bernd Wilting

Elfriede Socha sitzt im Wohnzimmer, tief in einen Polstersessel gesunken. Ihr „Guten Tag“ ist nur gehaucht. „Alles klar, Frau Socha“, sagt Doris Beyert aufmunternd und beruhigend. Die Frau, die sich da ängstlich im Sessel versteckt, war Patientin der Rheinischen Landesklinik Bonn; seit einiger Zeit hat sie Zuflucht gefunden in der Familie Beyert.

Sie spricht nicht gern. Es macht ihr Angst, im Mittelpunkt zu stehen. Es ist erst ein paar Jahre her, da ist ihre Angst so groß geworden, daß sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen konnte und sich mit Selbstmordgedanken quälte. Kurze Zeit später kam sie in die Anstalt. Die Prognose, die man ihr dort stellte, war niederschmetternd: Sie würde auf Dauer unfähig sein, allein zu leben. Da sie keine Angehörigen mehr hat, wäre sie damit ein Fall für die Dauerunterbringung in der Psychiatrie gewesen. Doch die Bonner Klinik fand Doris Beyert und ihre Familie im bergischen Örtchen Much. Und die bot der 64jährigen potentiellen Dauerpatientin ein neues Heim – außerhalb der Anstaltsmauern.

Eine Autostunde von dort entfernt, auf der anderen Rheinseite im Eifeldörfchen Eicks, wohnt Miguel Mbengi bei Familie Weber. Auch Mbengi war Patient der psychiatrischen Klinik in Bonn –, vier Jahre lang. 1983 ist der heute 30jährige aus seiner Heimat Angola geflohen – vor Bürgerkrieg und politischen Verfolgungen. Er ging nach Bonn, um dort Deutsch zu lernen und zu studieren. Doch dann kamen die Stimmen: Sie redeten ihm ein, er sei der Präsident von Angola und Terroristen bedrohten sein Leben.

Mbengi verrammelte seine Studentenbude, doch die Qual wurde größer. Die Stimmen verfolgten ihn. Er verlor den Bezug zur Realität, sah Farben, wo keine waren. Schließlich fühlte er sich völlig gelähmt und tat nichts mehr. Vierzehn Tage verharrte er so in seiner Wohnung, magerte ab. Sein Hauswirt alarmierte die Polizei. Miguel Mbengi wurde auf einer geschlossenen Station untergebracht.

Starke Medikamente vertrieben die Stimmen. Doch sie kamen wieder, redeten mal auf deutsch, mal in seiner Muttersprache zu ihm. Mbengi wurde in die Abteilung für Langzeitpsychiatrie verlegt, es bestand keine Hoffnung auf Besserung. Bis sich Gertrud Weber, Hausfrau, Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Söhnen, entschloß, ihn in ihre Familie aufzunehmen.

Elfriede Socha und Miguel Mbengi sind zwei von dreißig ehemaligen Patienten der Bonner Klinik, die den Alltag in einem Landeskrankenhaus mit dem Leben in einer Familie vertauschen durften. Das Experiment der „psychiatrischen Familienpflege“ haben die Psychiater vor sieben Jahren begonnen. Die Idee hatte Tilo Held, der leitende Arzt der Bonner Landesklinik, aus Paris mitgebracht. Dort war er von 1967 bis 1981 für die ambulante Versorgung psychisch Kranker im 13. Arrondissement verantwortlich gewesen, einem Stadtbezirk, in dem damals weit über 100 000 Menschen lebten, und das Konzept der Familienpflege wurde aus der Not geboren: Die Pariser Kliniken waren so überfüllt, daß sie Kranke zurückweisen mußten, darunter auch Langzeitpatienten aus Heids Bezirk.