Von Lois Whitman

NEW YORK. – Nilay Kucuk (die Namen der Kinder wurden geändert) ist eine sechzehnjährige Türkin. Im vergangenen Jahr wurde sie länger als zwei Monate von der Istanbuler Polizei festgehalten und brutal geschlagen. Ihr Verbrechen? Sie hatte an ihrer Schule Flugblätter verteilt mit der Aufforderung: „Schluß mit der repressiven, faschistischen Erziehung!“ Der Direktor der Schule rief die Polizei, die Kucuk mit auf ihr Revier nahm. Dort wurde sie geohrfeigt, mit Fäusten geschlagen und verhört; sie mußte auf dem nackten Zellenboden schlafen und erhielt nichts zu essen, durfte sich aber Kekse und Milch bei der Polizei kaufen. Als die Familie ihren Aufenthaltsort herausgefunden hatte, brachte sie ihr Kleidung, Taschengeld und ihre Lieblingspuppe.

Vier Tage später wurde Kucuk nach Gayrettepe verlegt, einer Polizeistation, die für ihre Folterungen berüchtigt ist. Nachdem man ihr die Augen verbunden hatte, wurde Nilay hin- und hergestoßen und mit Fußtritten malträtiert. Die Wächter drohten, sie zu foltern – eine Drohung, an deren Ernsthaftigkeit sie keinen Augenblick lang zweifelte; die Schreie der Opfer drangen aus den Nachbarzellen bis zu ihr. Am nächsten Tag wurde Nilay Kucuk vor Gericht gestellt, der Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation bezichtigt und in ein Gefängnis für Erwachsene verlegt. Zwei Monate später, nach der ersten Anhörung ihres Falles, wurde sie freigesprochen und entlassen.

Fatma Ozturk war erst zwölf, als die Polizei sie während einer Gewerkschaftsdemonstration festnahm. Sie wurde aufs Revier gebracht, geohrfeigt, geprügelt, mit Füßen in den Rücken getreten und mit einem Knüppel auf den Kopf geschlagen, ehe sie nach drei Tagen, ohne Anklage, auf freien Fuß gesetzt wurde.

Im Oktober befragte ich in Istanbul neun Kinder zwischen dreizehn und siebzehn Jahren. Alle waren in den vergangenen zwei Jahren festgenommen, körperlich mißhandelt und zwischen drei Tagen und drei, Monaten auf Polizeistationen oder in Gefängnissen festgehalten worden. Dreien wurden kriminelle Taten, den übrigen politische Vergehen vorgeworfen. Keiner durfte während seiner Verhandlung mit einem Anwalt sprechen; nicht eine einzige der betroffenen Familien war von der Polizei informiert worden; alle neun Kinder wurden in Sicherheitseinrichtungen für Erwachsene festgehalten. Helsinki Watch liegen Berichte über Dutzende von anderen Fällen vor, in denen türkische Kinder in den vergangenen beiden Jahren gefoltert worden sind.

Kinder, denen eine kriminelle Tat zur Last gelegt wird, werden in der Türkei oft brutaler behandelt als politisch Verdächtige. Ali Akdag, fünfzehn, wurde im August wegen Diebstahls angeklagt. Die Polizei hielt ihn vier Tage lang fest und schlug ihn auf die Fußsohlen, die Handflächen und Fingerspitzen. Er wurde – nackt und mit verbundenen Augen – mit dem Kopf nach unten aufgehängt und mit Knüppeln geprügelt. Seine Folterknechte ketteten ihn mit Handschellen an die Zellentür und schlugen ihm mit einer Holzstange auf Kopf, Knöchel, Knie und Ellbogen. Nachdem sie ihn dann noch an den Armer aufgehängt und Elektroschocks durch seinen Körper gejagt hatten, unterschrieb Akdag schließlich ein Geständnis, das er inzwischen widerrufen hat.

Die türkische Regierung bestreitet hartnäckig jegliche Anwendung von Folter. Präsident Turgut Özal erklärte 1989, daß „unerfahrene Fragesteller vielleicht Folter als ein Mittel einsetzen, um an Informationen zu gelangen, aber wenn das passiert, wird eine Untersuchung eingeleitet und über eine Strafe entschieden“.