Von Konrad Heidkamp

Ich bin glücklich! Warum bin ich nicht glücklch? Ich will glücklich sein! Rockmusik beschreibt, fragt, will. Das Leben in drei Minuten. Mehr ist nicht nötig. Wenn Rockmusik mehr will, produziert sie Konzeptalben. Mögliche Themen: das Erwachsenwerden, Einsamkeit, die Tragik des Popidols, die Qualen des Ruhms. Lou Reed hat sein neues Album "Magic and Loss" dem Tod verschrieben, dem Tod des Songwriters Doc Pomus, dem Tod Ritas aus Zeiten des "Walk On The Wild Side", dem Tod an Krebs. Ein ehrenwertes Thema, ein Thema für Erwachsene. Eine Platte, die von erwachsenen Kritikern hoch gelobt werden wird, weil über den Tod nicht schlecht zu schreiben ist. Eine enttäuschende Platte.

Lou Reed, Regisseur des Kultfilms "Velvet Underground", hat sich übernommen, an seinem eigenen literarischen Anspruch, am Mythos seiner Vergangenheit. Unstreitbar waren die "Velvet Underground" die erste Rockband, in der der Sänger nicht mit dem Song zu verwechseln war, in der sich Liebe als Journalismus verkaufte, die Monotonie aufregend und die Distanz überlebensgroß wurde.

Lou Reed kennt seine Klischees, versucht, sie zu vermeiden, und wird prätentiös. Man sollte sein Konzept nicht unterbewerten: ein Songzyklus, der den Tod aus verschiedenen Perspektiven spiegelt. Die Ausgangssituation, der Kranke, der Freund, die Phantasien, der Schmerz, das Begräbnis, die Wut, die Transformationen von Trauer in glückliche Resignation. Doch über dem klug konstruierten Aufbau vergißt Lou Reed die Musik. Mit Ausnahme der Stücke "What’s Good" und "Power and Glory" – mit der überirdisch androgynen Begleitstimme Little Jimmy Scotts – plätschert verhaltener Kammermusik-Rock durch die erste Plattenseite. Sparsame, warme Akkorde, über die Lou Reeds Stimme wie auf sorgfältig ausgewähltes, gediegenes Papier gedruckt wird. Erst auf der zweiten Seite erwacht der Tod zu Leben – und die Texte bekommen musikalischen Tritt, der ihnen den literarischen Anspruch austreibt. Und dann vergißt man, das deutsche Textblatt zu lesen, hört nur mehr zu und versteht den Text, weil er sich an der Musik reibt. Zeilen ziehen vorbei, wie "This is no longer a working number, please redial your call", ein Kommentar zum Tod, der auch Doc Pomus gefallen hätte. Zwischen dem hämmernden Schlagzeug, den quengeligen Gitarren und dem satten Baß blitzt wieder die alte sachliche Ironie und Aggressivität auf, die sich jetzt mit Liebe verbindet und die Trauer in Kraft verwandelt. Die Wahrheit steckt eben noch immer im intelligent gebrochenen Klischee und nicht in der wohlformulierten Erkenntnis.

Während sich Lou Reed als Regisseur, Hauptdarsteller, Drehbuchautor und Komponist in einer Person versteht, legt die Schlagzeugerin Moe Tucker, eine ehemalige Nebendarstellerin der "Velvet Underground", ihr drittes Album vor (mit ein bißchen Unterstützung der alten Freunde). Kein Konzept, keine Botschaft, die vertrauten Rhythmen und Harmonien, die Poesie des Alltags. Der Klang ist sicher perfekter als auf ihrem ersten mitreißenden Soloprojekt "Playin’ Possum", bei dem sie alle Instrumente selbst bediente. Aber diesmal hat sie eben nicht nur ihrer Mutter zu danken, die auf ihre fünf Kinder aufpaßte, sondern auch Lou Reed, John Cale und Sterling Morrison. Die Stimme Moe Tuckers hat an Stärke und Entschiedenheit gewonnen, ohne jedoch ihre Verletzlichkeit zu verlieren, die auf die Zuneigung des Hörers angewiesen ist. Da haucht sie "And Then He Kissed Me", singt die Dealer-Hymne "I’m Waiting For My Man" als zartes Liebeslied und skandiert ihre eigenen Kompositionen über den Gitarren, die wie Schiefertafeln kratzen, den nervenden Geigenglissandi und den bohrend monotonen Akkorden. Keine Improvisationen, keine Variationen, sondern ein Übereinanderschichten von Klängen, auf denen Bruchstücke von Texten tanzen.

Vielleicht liegt darin die Essenz von Rockmusik: nur das zu verstehen, was nötig ist, und den Rest – das Gefühl – der Musik zu überlassen. Und, vor allem, in der Diskrepanz zwischen Text und Musik sich selbst zu finden.

Lou Reeds Literatur-Rock ist – im Gegensatz zu seinen letzten meisterhaften Episoden – sammlungen "New York" und "Songs For Drella" – zu einer glatten Einheit geronnen. Moe Tuckers Kellerlieder bleiben so brüchig und vielschichtig wie die Geschichte ihrer musikalischen Vergangenheit. "I Spent A Week There The Other Night" heißt der Titel der Platte. Er hätte auch aus Lou Reeds Schreibmaschine kommen können. Früher.