Das erogene Ohr

Für alle, die leer ausgegangen waren beim Versand der Leseexemplare, versprach der New Yorker Verlag Random House in einer ganzseitigen Anzeige in Publisher’s Weekly raschen Trost: Anruf genügt, unter 800-FON-4-VOX werde Name und Adresse aufs Band genommen, Versand erfolgt prompt. „Die erogenste Zone“, hörten die Anrufer und hatten damit bereits eine literarische Kostprobe im Ohr, „könnte das menschliche Ohr sein.“ (Mein Gott, womit haben wir uns nur immer aufgehalten!) „Vox“, der literarische Ursprungsort des erogenen Ohrs, ist ein Roman von Nicholson Baker, in dem die älteste Geschichte der Welt per Telephon stattfindet. Das Buch, von der Herald Tribune als „schlank, seltsam und fast handlungslos“ charakterisiert, enthält nichts als die Telephonunterhaltung eines Mannes und einer Frau, die einander wortreich drahtlos zu verführen suchen. Viel Geld wird da vertelephoniert, und manch kühne Verbalerotik heizt den Äther auf, ehe die Unterhaltung zum teuren Höhepunkt führt. Nicholson Baker, ein Autor, der seine Karriere als Börsenmakler begann, hat nicht mehr und nicht weniger getan, als das Telephonat linguistisch umzusetzen. Und befürchtet nun, daß sein Buch als ein Plädoyer für safe sex mißverstanden und mißbraucht werden könnte. „Das Neue“, so kommentiert er selber, „ist nicht safe sex, sondern die Zahlungsart.“ Bargeldverkehr, das ist ja wahr, ist nicht nur altmodisch, sondern auch riskant. Und selbst bei uns gibt es inzwischen Telephonkarten. Telekom macht’s möglich, Vox sei Dank.

Lies Deinen Liebsten!

Nichts Neues mehr im Theater? Das rührige Frankfurter Theater am Turm (TAT) beweist schon wieder mal das Gegenteil. Am 1. März 1992 findet an traditionsreicher Stätte (hier wurde schon Handkes „Publikumsbeschimpfung“ uraufgeführt) eine Premiere statt, die diesen Namen wirklich verdient. In einer „Szenischen Lesung“ liest der Schauspieler Völker Spengler aus dem kritischen Werk des Theaterkritikers Peter Iden vor – die Produktion („Die Geschichte von Schwellfüßchens Glück und Ende“) steht bis zum 8. März, jeweils 22.30 Uhr (außer Dienstag), auf dem TAT-Programm. In stiller Vorfreude erinnern wir uns daran, daß der Kritiker Iden einmal dem Mimen Spengler ein „feistes Gehampel“ vorgehalten hat. Trotzdem ist ein plumper Racheakt des Künstlers keinesfalls zu erwarten, sondern, laut TAT-Programm, ungefähr dieses: „Volker Spengler nimmt eine ganze Stunde lang Peter Iden beim Wort. Er liest, zitiert, kontert – auch mit Musik und Gesang – sachlich und humoristisch.“

Wie wir nun aus gewöhnlich gutunterrichteten Kreisen erfahren, soll der Frankfurter Abend nur der Anfang eines verheißungsvollen Zyklus sein, der dem deutschen Theaterleben viele frische Impulse verschaffen wird. Das weitere Programm (wir geben es hier ohne Gewähr und selbstverständlich streng vertraulich wieder) sieht etwa so aus: Hansgünther Heyme liest Gerhard Stadelmaier (Spielort: das Stuttgarter Leuze-Bad), Einar Schleef liest Sibylle Wirsing (Spielort: der Keller des Berliner Reichstags), Pina Bausch liest Rolf Michaelis (Spielort: die Wuppertaler Schwebebahn), Claus Peymann liest Benjamin Henrichs (Spielort: der Wiener Heldenplatz), Eberhard Witt liest C. Bernd Sucher (Spielort: die Kantine des Münchner Residenztheaters). Künstler, die fehlerfrei aus den Kritiken von Peter von Becker und Michael Merschmeier vorzulesen imstande sind, konnten bislang leider noch nicht gefunden werden. Fest steht hingegen schon der letzte Abend der Reihe: In einer open night für Langschläfer (Spielort: das Theater am Schiffbauerdamm) liest Peter Palitzsch die schönsten Stellen aus Henning Rischbieters Theaterlexikon.