Scheitert die Privatisierung der alten DDR-Kombinate, müssen Bund und Land in die Bresche springen

Von Dietmar H. Lamparter

Die Männerrunde, die sich schon am frühen Morgen vor dem Kiosk "Zur Hölle" auf ein Bier versammelt hat, läßt sich von der dicken Luft in Merseburg nicht stören. "Gegen früher", sagt Willi, der älteste in der Runde, "ist das gar nichts." Früher, erinnert sich Willi, hätte man oft kaum die Hand vor Augen sehen können. Der Grund: Gelbe Staubwolken aus den Karbidöfen des Chemieriesen Buna im Nordwesten und Abgasfahnen aus den Schloten der Leuna-Werke im Süden der Stadt.

Willi ist 56. Vierzig Jahre lang hat der gelernte Chemiefacharbeiter in Leuna mitgeholfen, die Anlagen des größten Chemiekomplexes der ehemaligen DDR unter Dampf zu halten. Leuna und das benachbarte Buna bildeten zusammen mit dem dreißig Kilometer nördlich gelegenen Chemiefabriken in Bitterfeld und Wolfen die Eckpunkte des berühmt-berüchtigten Chemiedreiecks in Sachsen-Anhalt. Jetzt rauchen dort nur noch wenige Schornsteine. Die Luft ist besser geworden, aber Willi ist seinen Arbeitsplatz los. Er bezieht jetzt "Altersübergangsgeld". Er wird nicht mehr gebraucht.

Das Schicksal teilen die meisten seiner Altersgenossen. Von den derzeit noch rund 12 800 Beschäftigten der Leuna-Werke AG sind "keine hundert mehr über 55 Jahre alt", bestätigt der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Weise den Exodus einer ganzen Generation: Über sechstausend Frauen und Männer wurden vorzeitig aufs Altenteil abgeschoben. Der Aderlaß traf aber nicht nur die Älteren. Als Weise im Juni 1990 gewählt wurde, arbeiteten in der traditionsreichen Chemiefabrik noch mehr als 27 000 Menschen. Tausende Arbeitsplätze wurden durch Ausgründungen von Betriebsteilen, Verlagerung in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) und Fluktuation (Richtung Westen) abgeschafft.

Quälende Unsicherheit

"Erstaunlich ruhig" sei das bisher alles gelaufen, wundert sich selbst der Leuna-Vorstandsvorsitzende Jürgen Daßler. Bisher freilich mußte der Betriebsrat auch nur 1500 direkten "Freisetzungen" in die Arbeitslosigkeit zustimmen – zu wenig, so die Meinung des Leuna-Besitzers, der Berliner Treuhandanstalt. Tag für Tag fährt die Chemiefabrik weit mehr als eine Million Mark Verluste ein. Deshalb, so die Lesart aus Berlin, müßten noch einmal fast fünftausend Arbeitsplätze möglichst rasch "abgeschmolzen" werden. Das träfe dann "durchweg soziale Härtefälle", befürchtet Horst Seel im Merseburger Büro der IG Chemie.