Von Barbara Ungeheuer

Die passende Anrede hatte der Medienberater des Großfürsten Wladimir schon am Telephon eindringlich nahegelegt: Seine Durchlaucht! Auch mußten die verzwickten Verwandtschaftsverhältnisse noch einmal repetiert werden. Bei den Romanows ist das Algebrakunst mit zehn Bekannten. Jeder ist mit jedem verwandt: jene, die die Idee eines Imperiums noch immer repräsentieren, mit denen, die die Macht über Klein- oder Großimperien schon lange verloren haben.

Großfürst Wladimir gehört zu der ständig wachsenden Zahl von Kandidaten in einer neuen Kategorie. Es sind die Großneffen, Urenkel und Enkel des Zaren, der Könige von Georgien, Montenegro und Bulgarien, die seit dem Verfall des sowjetischen Reiches ihre Dienste im gelernten Beruf "Thronanwärter" den neuen Regierungen anbieten.

Am Tor der kleinen Pariser rue Mondavi, schläfrig, still und doch so nah am Place de la Concorde, läßt eine männliche Stimme durch das Intercom wissen, man werde abgeholt. Eine Frau öffnet die Tür im Innenhof: Großfürstin Leonida, nee Prinzessin von Georgien, mit dickem Schlüsselbund. Im sehr engen Aufzug für zwei erinnert sie an Frau Chruschtschow in doppeltem Ausmaß. Auf ein Paar Minuten im Salon alleingelassen, kommt mir die Strophe eines Gedichts von Nina Berberova in den Sinn: "Anderen kann man ein Joch auferlegen / Und sie leben voll Kummer im Exil. / Aber ich habe mein Rußland bei mir / In meinem Reisesack."

Was für die russische Autorin und ihre Dichterfreunde in der Emigration die Werke von Dostojewskij und Puschkin waren, sind bei den Romanows die vergilbten Übrigbleibsel von Hof und Kirche, Ikonen und Bilder, viele Photos auf müdem Möbel postiert. Zar Nikolaus I. auf Schlittenfahrt (der Urururgroßvater) und Alexander II. in voller Ordensmontur (der Urgroßvater) hängen an der Wand: drittklassige Gemälde, einst für die Villen der Romanows an der Riviera bestimmt.

Heute bilden sie die Kulisse für eine Oper, deren Ouvertüre am 7. November vergangenen Jahres in St. Petersburg Premiere hatte. Großfürst Wladimir, Anwärter auf den Thron aller Reußen, war der Einladung des Bürgermeisters von Leningrad gefolgt, die Welt hat das symbolträchtige Ereignis am Jahrestag der Oktoberrevolution photographiert und beschrieben.

Die Feuerwerksnacht im neuen, alten St. Petersburg war die erste Begegnung des 75jährigen Großfürsten mit dem russischen Himmel. Als Sohn eines Vetters des letzten Zaren und einer Enkelin von Queen Victoria wurde er 1917 in Finnland geboren. Beinahe ein Jahr vor der Ermordung der Zarenfamilie in Jekaterinburg hatte Großfürst Kirilowitsch, Chef der kaiserlichen Marinegarde, sich dort mit Familie in Sicherheit gebracht. Ein zweistöckiges Granithaus in St. Briac an der bretonischen Küste sollte wenig später ein dreiviertel Jahrhundert lang den Romanows als Hofsitz im Exil dienen.