Der deutsche Geist sollte geschützt werden – aber mit welchen Mitteln?

Das Schlagwort „Überfremdung“ wird aus der Versenkung geholt, wenn man die Qualitäten der autarken Produkte gegenüber modisch bedingten Importen ins rechte Licht rücken möchte. Eine Umfrage bei den Intendanten der subventionierten Theater würde tatsächlich ergeben, daß man schon aus Angst vor der öffentlichen Meinung die Manuskripte unbekannter deutscher Autoren mit höchster Gewissenhaftigkeit untersucht – immer in der Hoffnung, nun endlich einen deutsch schreibenden Anouilh oder gar (noch besser) einen deutsch dichtenden Christopher Fry ans Rampenlicht zu bringen.

Die Situation ist nicht neu. Es hat in der deutschen Theatergeschichte immer schon lange Strecken gegeben – man denke nur an die Zeit von Hebbels Tod bis zu Hauptmanns Blüte –, in denen die Bühnen gezwungen waren zu importieren, wenn überhaupt sie den Kontakt aufrechterhalten wollten mit der Entwicklung geistiger Weltprobleme (die ja niemals ausschließlich „national“ verlief) und ihrer dramatischen Behandlung. Wir stehen also, weiß Gott, nicht zum ersten Male vor einem diesbezüglichen Vakuum.

Die „Überfremdung“ tauchte jüngst nicht nur in einem Erlaß des hannoverschen Kultusministers auf – Mahnung an die Intendanten, deutsche Erzeugnisse tunlichst zu bevorzugen –, sondern auch in einer Ansprache, die der Bundesinnenminister in Düsseldorf hielt, anläßlich der Gründung eines „Freundeskreises um Wilhelm Schäfer“. Aus Dr. Lehr sprach eine, sagen wir, patriarchalisch-aerarische Besorgnis, die „klimatisch“ vor der Skizzierung beabsichtigter staatlicher Fürsorgemaßnahmen nicht zurückscheute, es dann aber in der wörtlichen Formulierung bei einer Stellungnahme gegen die Überfremdung mit „Durchschnittlicher“ ausländischer Literatur bewenden ließ – gegen die der deutsche Geist geschützt werden müsse... Was heißt „durchschnittlich“? könnte man da fragen. Gibt es ein Gremium, das in der Lage wäre, da die Grenzscheiden zu ziehen? Für den einen mag gerade eine Erscheinung wie Wilhelm Schäfer höchst durchschnittlich sein, wogegen ihm „bedenkliche“ Phänomene, wie etwa Sartres Bücher, eine immense, wenn auch anstößige Wichtigkeit enthüllen könnten!

Daß Herr Dr. Lehr im folgenden ankündete, er werde seinen ganzen ministeriellen Einfluß geltend machen, um bei den Universitäten eine Beschäftigung mit Wilhelm Schäfer, entsprechend seiner hohen Bedeutung, zu veranlassen – diese Ankündigung, dem Herzen eines langjährigen Freundes entspringend, mochte ein wenig überraschen. Immerhin aber gibt es in der Verfassung unserer Universitäten ja wieder so etwas wie die verbürgte „akademische Lehrfreiheit“. Und an ihr mag sich dann auch solch wohlmeinender, aber auch einseitiger Sanierungsversuch von selbst regulieren. A.S.V.