Der amerikanische Vizepräsident Quayle hat am vergangenen Wochenende in München die bis vor wenigen Jahren auch in der Bundesrepublik aktive, seither flügellahm gewordene Schar von SDI-Anhängern neu ermuntert. SDI – Ronald Reagans Strategie Defense Initiative – war mit dem Ziel erdacht worden, die geballte moderne Atomraketenmacht der Sowjetunion durch eine Raketenabwehr auszuschalten. Heute, da die Sowjetunion nicht mehr besteht, soll eine Art Spar-SDI die Vereinigten Staaten und – wenn sie mitbezahlen – ihre Verbündeten gegen etwa drohende Raketen aus der Dritten Welt in Schutz nehmen.

Richtig ist: Auch technologische Hürden lassen sich leichter nehmen, wenn sie niedriger gehängt werden. Reagans Ziel einer undurchdringlichen Abwehr gegen Massenschwärme von hochmodernen Raketen war stets utopisch. Die rechtzeitige Ortung und Zerstörung von ein paar hundert Mittelstreckenraketen, wie sie eine wachsende Zahl von Drittweltstaaten entwickelt, läßt sich eher bewerkstelligen.

Aber auch das hätte seinen Preis. Auf 46 Milliarden Dollar über vierzehn Jahre hat das Pentagon die Kosten für das neue System geschätzt. Und am Ende hätte es vornehmlich zur Aufgabe, den Westen vor Waffen zu schützen, die mit Hilfe westlicher Technik und westlichen Knowhows in heimlichen Rüstungsbetrieben der Dritten Welt hergestellt werden. Da wäre es billiger und sinnvoller, mit einem Bruchteil der vorgesehenen Summe die Kontrolle gegen die Verbreitung moderner Massenvernichtungstechnik jetzt zu verschärfen – zum Nutzen nicht nur der reichen, sondern der ganzen Welt.

Wer statt dessen wieder einmal auf schimmernde Abfangtechnik im Weltall setzt, dem könnte es so ergehen wie Ronald Reagan: Der träumte von SDI und vergaß die Wirklichkeit. Die Reagan-Jahre waren im Kampf gegen die nukleare Proliferation verlorene Jahre. Es gibt wahrlich keinen Grund, ihnen nachzueifern. –cb–