Die großen Tiere kamen mit dem Flugzeug, die kleinen blieben draußen im Zoo des Hotels „Tropical“, als am Montag dieser Woche die Chefs der Amazonas-Pakt-Staaten in Manaus zusammentrafen. Brasilien, Bolivien, Ecuador, Guyana, Kolumbien, Peru, Surinam und Venezuela: acht Länder, die sich verpflichtet haben, in gegenseitiger Kooperation ihre jeweiligen territorialen Anteile am Amazonasbecken zu fördern und zu entwickeln, „wobei die Erhaltung der Umwelt sowie die Bewahrung und rationelle Nutzung der natürlichen Ressourcen angestrebt wird“ – wie es im Pakt-Vertrag von 1978 heißt.

Umwelt und Entwicklung – das sind Themen, die die Welt bewegen und die auf der Mammutkonferenz der Vereinten Nationen von Rio de Janeiro im Juni anstehen. Der Regenwald in Amazonien, die reichste Bio-Bank, das größte Süß Wasserreservoir, die mächtigste Klimaanlage der Erde, gilt nicht mehr als „grüne Hölle“ sondern als zu bewahrende, „uns anvertraute Schöpfung“, wie es Bundeskanzler Helmut Kohl ausdrückte.

Im „Korb 21“ der Rio-Konferenz finden sich jene Themen, die die Amazonasstaaten besonders beschäftigen: die Erhaltung der biologischen Vielfalt und der tropischen Regenwälder; wie sollen Schutzmaßnahmen finanziert und durchgeführt werden, wie lassen sich die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Region in Einklang mit ihrer ökologischen Empfindlichkeit bringen?

Die Amazonasstaaten sind sich in einem Punkt einig: Dieser Wald gehört ihnen – und keinem anderen. Eine Internationalisierung des Gebietes, das immerhin doppelt so groß wie Europa ist, lehnen sie rundweg ab. Schließlich ist das ihr „Naturkapital“ und über dessen Einsatz wollen sie allein und souverän entscheiden. Die schlechteste Nutzung dieser Ressourcen besteht darin, sie zu zerstören, das wissen die Amazonasstaaten längst. Sie sind auch bereit, mit den Industrienationen bei der umweltfreundlichen Bewirtschaftung der Region zusammenzuarbeiten – aber nur, wenn ihnen dabei die reichen Nationen mit Geld und Technik helfen. Brasilien fordert sogar ausdrücklich, daß „die Bewirtschaftung (des Amazonasgebiets) nicht an das globale Wohl der Umwelt gekoppelt werden darf“.

„In Amerika und Europa besteht die merkwürdige Vorstellung, daß Amazonien so etwas wie ein botanischer Garten wäre, den man nur gut umzäunen müßte“, beklagt sich der bolivianische Umweltbeauftragte Juan Carlos Enriquez. Aber mittlerweile leben achtzehn Millionen Menschen in diesem Gebiet, und dort befinden sich darüberhinaus die größten Rohstoffreserven der Erde. Will man den Amazonasstaaten verbieten, sie zu heben? Das Mißtrauen gegenüber den Industrienationen ist groß. Die sind schließlich die größten Umweltsünder und Zerstörer der Atmosphäre. Statt ihre eigene umweltschädliche Kohlendioxid-Produktion zu reduzieren, spielen die Industriestaaten sich in Amazonien als Umweltschützer auf – das ist der Vorwurf, den man überall in Lateinamerika gegenüber den Nordamerikanern und Europäern zu hören bekommt.

Illusionen über das Ergebnis der Rio-Konferenz machte sich in Manaus keiner. Brasiliens Außenminister sprach von einem „symbolischen Ereignis“, und Umweltminister José Lutzenberger hofft, daß die Konferenz erst der Beginn, aber nicht das Ende einer weltweiten Diskussion sein wird.

Außerhalb der klimatisierten Konferenzsäle, vor Ort in Amazonien, ist alles noch viel komplizierter: Die Provinzpolitiker möchten Straßen bauen, die Indianer wollen in Frieden gelassen werden, die Goldgräber kümmern sich einen Dreck um Umweltzerstörung, die Militärs klammern sich an ihre Übungsplätze. Wie, bitte, funktioniert eine „nachhaltige Bewirtschaftung“ des Regenwaldes? Darauf hat im Grunde keiner eine Antwort.