In Tokios Vergnügungsviertel Shinjuku, vorbei an den grellen Fratzen der Werbung, schleppt eine Frau eine Last auf ihrem Rücken, niederdrückend wie die Last des Lebens selbst. Im „Camparino“ in Mailand steht ein Mann an der Bar und trinkt einen Schluck Kaffee, nichts Besonderes eigentlich, sähen wir nicht, wie das kleine Ritual des Alltags sich entfaltet in einem klassischen Tempel der Espresso-Kultur. Schließlich „Olaf als Marilyn“, in lasziver Pose neben einem 59er Dodge, doch nur der Dodge ist echt und,die Monroe ein Transvestit aus dem „Elch“ in Frankfurt.

Augenblicke unterwegs und im Studio, life und inszeniert, drei Bilder eines Photographen, der sechzig wird und dem seine Geburtsstadt Düsseldorf jetzt Gelegenheit gibt, gleich in drei Ausstellungen Bilanz zu ziehen: „Symbole des Lebens“ im Stadtmuseum, „Italien – Ein Stiefel voll Caffè“ im Goethe-Institut, „Showstars und Travestie“ im Foyer des Düsseldorfer Schauspielhauses. Insgesamt nicht mehr als 150 Aufnahmen – genug, um aufs eindrucksvollste zu zeigen, wer Walter Vogel ist: ein großer deutscher Reportagephotograph.

Ursprünglich war er Maschinenbauingenieur, Verfahrenstechniker in der chemischen Industrie, zehn Jahre lang. Dann wollte er „raus aus dieser Enge“. Die Photographie, von früh an als Hobby betrieben, lockte ihn als „Medium, mit dem man sich eine ganz andere Welt erobern kann“. Er war schon Anfang dreißig, als er seinen Beruf aufgab und noch einmal von vorne begann.

Walter Vogel ging an die Folkwangschule in Essen, zu dem besten, unbequemsten Lehrer für Photographie, den es damals in Deutschland gab. „Otto Steinen hat einem die Qualität abgezwungen, die man im Grunde auch selbst wollte.“ Seit seinem Examen 1968 gehörte er zu jener Elite von Photographen, die das Gütesiegel Steinert-Schüler zum Begriff machten – und es nicht mehr los wurden: „Ich bin kein Steinert-Schüler mehr“, knurrt der Sechzigjährige.

Zunächst reüssierte Walter Vogel als Werbephotograph in Düsseldorf. Produktkampagnen, Imageserien, Models im Studio und daneben immer wieder Photoreportagen (auch für das ZEITmagazin). Doch seine eigentlichen Themen fand er in eigener Regie, unterwegs auf seinen großen Reisen.

In Kamerun und Westafrika, in Thailand und Indien beobachtete er das Verschwinden ursprünglicher Lebensformen und unberührter Orte, den Bruch mit der Tradition. „Zu zeigen, wie sich Menschen durch Zivilisation verändern, das ist mein Thema.“ Wie sich ihre Verhaltensweisen ändern, ihre Gesten und Gesichter, die Physiognomie einer ganzen Kultur.

Wir sehen den Toilettenmann im Hyatt-Regency in Hongkong, der einmal Reisbauer war. Das thailändische Dorfmädchen, das nun als Gogo-Girl im Rotlichtbezirk von Bangkok arbeitet. Wir sehen die Neckermänner auf Photosafari im Eingeborenenkral: die bettelnden Hände, die gezückten Kameras und das Mädchen, das seine Brüste entblößt für Trinkgeld.