Ich möchte mich entschuldigen. Zuerst bei meinen neuen Mitbürgern aus den alten Bundesländern. Ich ich nicht aus der DDR abgehauen, ich auch nicht an den Wahlen teilgenommen, also habe ich das System stabilisiert. Ich habe auch nicht im Gefängnis gesessen, ich habe nicht einmal an Demonstrationen teilgenommen, also war ich ein Jugendweihe Meine Tochter ist zur Oberschule zugelassen worden, obwohl sie weder an der Beziehungen teilgenommen hat noch Mitglied der FDJ war, also muß ich ganz besonders gute Beziehungen zu hohen Stellen gehabt haben. Obwohl ich 1988 zwei anstößige Aufsätze im Westen veröffentlicht habe, bin ich nicht drangsaliert worden, also hat wohl gar die Stasi diese Aufsätze bei mir bestellt, um Verwirrung zu stiften. Man weiß doch: Die Susi hat die Revolution gemacht, denn sie hatte ja die Opposition fest im Griff.

Außerdem war ich Pfarrer, und die waren doch ohnehin fast alle bei der Stasi. Die Kirche hat ja schon immer auf der Seite der Herrschenden gestanden. Ich habe in den letzten Jahren mehrfach an Tagungen der Societas ethica im westlichen Ausland teilgenommen, also war ich Reisekader und hatte bestimmt meine Aufträge im Gepäck. Bestimmt habe ich auch über andere berichtet. Und wenn sich in den Akten darüber nichts findet – man weiß doch: Die Akten der Top-Leute sind verrichtet oder mindestens gereinigt. Ich besitze ein Einfamilienhaus, das ich von einem Rentner gekauft habe, der danach in den Westen gegangen ist. Wer durfte schon in der DDR ein Haus kaufen?

Ich gebe zu: Die Indizien sind erdrückend. Entschuldigt bitte, daß ich euch zumute, mit einem so belasteten DDR-Bürger zuammenzuleben.

Ich möchte mich aber auch entschuldigen bei einigen meiner DDR-Mitbürger. Ich bin seinerzeit von der Oberschule abgelehnt worden. Deshalb weiß ich gar nicht, wie das ist: eine sozialistische Oberschule besuchen. Ich habe mich dicht von der Stasi anwerben lassen, also weiß ich gar nicht, wie das ist: Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi sein. In der SED war ich auch nicht, also weiß ich gar nicht, wie das ist: einen Parteiauftrag bekommen. Als Dozent am Sprachenkonvikt, einer kirchlichen Hochschule, habe ich die Lehrfreiheit genossen und gebraucht. Ich weiß also gar nicht, wie das ist: etwas lehren müssen, woran man selbst nicht glaubt. Ich weiß auch gar nicht, wie das ist: als Theologe an einer staatlichen Universität den Vaterländischen Verdienstorden entgegennehmen müssen.

Wie weltfremd wir am Sprachenkonvikt waren, erkennt man besonders gut daran, daß so viele von uns im Herbst 1989 in die Politik gegangen sind. So etwas Verrücktes haben unsere Kollegen und Kommilitonen an der Universität nicht getan. Ich war nie stolz auf die DDR. Also weiß ich gar nicht, wie das ist, wenn einem die DDR-Identität zusammenbricht. Entschuldigt bitte, ich gebe zu, ich kann gar nicht mitreden, weil ich eigentlich gar kein richiger DDR-Bürger war.

Am besten entschuldige ich mich auch noch nachträglich bei den SED-Genossen dafür, daß ich meine religiösen Vorurteile nicht aufgegeben und die „wissenschaftliche Weltanschauung“ nicht für wissenschaftlich gehalten habe. Und bei meinem Bürgermeister, weil ich ihm mit meinen durchgestrichenen Wahlzetteln die Wahlergebnisse verdorben habe. Auch habe ich nie durch Teilnahme an Demonstrationen meine Verbundenheit mit der Partei- und Staatsführung bekundet. Und beim Neuen Deutschland entschuldige ich mich für meine Leserbriefe, von denen mir seinerzeit offiziell eröffnet wurde, daß sie staatsfeindlich seien. Ich hatte das gar nicht vermutet.

Es geht ziemlich wirr zu in der Vergangenheitsdiskussion. Die Verwirrung kommt einerseits daher, daß ständig neue Fakten auftauchen. Die DDR war für ihre Bewohner oft eine Terra incognita, auch im Nahbereich undurchsichtig. So wußten die meisten zu DDR-Zeiten nicht, daß es in der DDR die Todesstrafe gab. Meine Konfirmanden waren der Meinung, sie sei abgeschafft, als sie gar nicht abgeschafft war. Dadurch entsteht jetzt für viele der Gegensatz zwischen der DDR, die sie erlebt haben, und der DDR, die sie jetzt kennenlernen, und das ist nicht ganz einfach.