Von Janusz Tycner

Schon wieder hat ein Europäer das Brüsseler Nato-Hauptquartier in Panik versetzt. Warschaus neuer Verteidigungsminister Jan Parys, Verfechter der Anlehnung Polens an die westliche Militärallianz, fragte bei den politischen Gremien des Bündnisses an, ob und wie polnische Truppen in einem europäischen Krisenfall in die Nato-Planung einbezogen werden könnten.

Der polnische Minister, so ist aus Warschau zu vernehmen, hatte allen Ernstes gehofft, eine konkrete, womöglich sogar positive Antwort zu bekommen. Doch die Hoffnung trog. Das Liebeswerben aus Warschau rief ebenso wie die entsprechende Initiative des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Václav Havel bei seinem Besuch im Nato-Hauptquartier im März 1991 blankes Entsetzen hervor. Man habe den polnischen Vorstoß "mit Überraschung" aufgenommen; "jeder hat laut aufgeschrien und Aufklärung verlangt".

Dies hätte Parys ahnen müssen. Schließlich haben führende Männer der Allianz schon unzählige Male verkündet, das Bündnis wolle weder neue Mitglieder aufnehmen, noch könne es den neuen Demokratien in Mitteleuropa Schutzgarantien geben. Kein Wunder, daß sich polnische Politiker mittlerweile wie Quälgeister vorkommen, wenn sie ihren Nato-Gesprächspartnern gegenüber Beitritts- oder Kooperationswünsche äußern. Aber davon abbringen lassen sie sich nicht.

Die Gründe für diese aus westlicher Sicht lästige Hartnäckigkeit liegen in der Furcht der Polen um ihre Sicherheit. Mit Prediger Salomos Worten: "Wehe dem, der allein ist; wenn er fällt, so ist kein anderer da, der ihm aufhilft." Das Chaos in den Nachfolge-Republiken der einstigen Sowjetunion und die gleichzeitige Abneigung des Westens, ehemalige Warschauer-Pakt-Länder in seine Sicherheitsstrukturen einzubeziehen, erfüllt Polen mit Sorge. Mit Wehmut wird an den Beginn des Moskauer August-Putsches erinnert, als plötzlich vor allem Washington bereit schien, über die Einbindung Polens in die Nato ernsthaft nachzudenken. Doch das wurde bald vergessen, obwohl mit dem Fehlschlag des Putsches die Gefahren nicht gebannt waren.

Nato-Politikern stehen heute die Haare zu Berge, wenn sie an vagabundierende GUS-Atomwissenschaftler oder herrenlose Nuklearwaffen denken. Die Polen dagegen haben zuerst Ungarn vor Augen, seine im jugoslawischen Bürgerkrieg bombardierten Grenzdörfer und einige zehntausend Flüchtlinge, die das Land in kürzester Zeit hat aufnehmen müssen. Am Beispiel Ungarns lesen die Polen ab, wie schnell auch sie in den Strudel eventueller GUS-Konflikte geraten können.

Zu Recht würde die Nato in einem solchen Fall von den Ländern Ost-Mitteleuropas erwarten, daß sie an ihren Grenzen alles unternehmen, um die Ausbreitung des Konflikts zu verhindern und die Flüchtlingsströme aufzufangen. Dennoch ruft schon eine zaghafte Anfrage Warschaus, ob man das gemeinsame Vorgehen rechtzeitig abstimmen könne, brüske Ablehnung hervor. Als Antwort auf solche Ersuchen verweist man neuerdings in Brüssel auf den vor kurzem geschaffenen Nordatlantischen Kooperationsrat, einen Katzentisch, an dem die ehemals kommunistischen Länder mit der Nato unverbindlich diskutieren dürfen. Auf diese Weise versucht das Bündnis, so gut es geht, keine Prioritäten zu setzen und alle Staaten im Osten, ob Polen, Kasachstan oder Albanien, gleich zu behandeln. Ist das auf die Dauer die richtige Politik?