Von Fritz Vorholz

Bisher schien das Glück den Ignoranten hold zu sein. Das Ozonloch war weit weg, über Australien, Neuseeland und Südchile – eine abstrakte Bedrohung, ans andere Ende der Welt verdrängt. Über Nacht ist daraus, eine konkrete Gefahr geworden: Forscher der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa schlugen in der vergangenen Woche Alarm, nachdem sie über den Neuengland-Staaten und Kanada die höchsten Konzentrationen jener Chemikalie gemessen hatten, die den zerstörerischen Prozeß in Gang setzt.

Wenn uns das Wetter übel mitspielt, wird auch über Nordamerika und großen Teilen Europas die Ozonschicht aufbrechen und lebensfeindliche Ultraviolett-Strahlung bis zum Erdboden dringen lassen. Die Warnung vor Krebs, Erblindung und Immunschwäche entspringt dann nicht mehr der Hysterie, sondern der berechtigten Furcht. Was im dünnbesiedelten Süden des blauen Planeten beinahe schon grausamer Alltag ist, kann jederzeit auch den dichtbevölkerten Norden heimsuchen. Die unsichtbare Gefahr schwebt über uns.

Das Menetekel hat einen Namen: Fluorchlorkohlenwasserstoff (FCKW). Der Stoff ist unbrennbar, ungiftig, geschmacksneutral, wärmeisolierend und chemisch träge, dazu noch billig und vielseitig zu verwenden. Mehr als siebzehn Millionen Tonnen dieser Chemikalie verkaufte die Industrie in den vergangenen sechzig Jahren – ein fataler Irrtum der Technikentwicklung. Der Siegeszug des FCKW – als Reinigungssubstanz in der Elektronikindustrie, als Kühlmittel in der Kältetechnik, als Verschäumungsmittel in der Kunststoffbranche, als Treibgas in Spraydosen – war ein unkontrolliertes Experiment mit der Erdatmosphäre: FCKW-Moleküle zerstören den hauchdünnen Schutzschild der Lufthülle und heizen den Treibhauseffekt maßgeblich an. Dies ist die größte Chemiekatastrophe der Menschheitsgeschichte.

Irrtümer mit katastrophalen Folgen sind nicht immer zu vermeiden. Die risikofreie Gesellschaft ist eine Utopie. Massenkarambolagen lassen sich nicht ausschließen, solange Autos fahren. Chemieunfälle wie im indischen Bhopal oder am Rhein können sich trotz verbesserter Sicherheitsvorkehrungen wiederholen. Und die Menschen leben mit dem Risiko, wenn auch oft mit Unbehagen.

Doch Treibhauseffekt und Ozonloch sind Gefahren einer neuen Qualität. Ihre Auswirkungen bleiben nicht regional begrenzt, sondern bedrohen das ganze Raumschiff Erde. Kein sogenannter Fortschritt in der industriellen Entwicklung rechtfertigt solche Zerstörung der Lebensgrundlagen.

Gleichwohl scheinen die Menschen, scheinen wir alle von der neuen Dimension der Bedrohung überfordert. Die globalen Umweltprobleme sind tückisch. Sie kommen schleichend und unmerklich, und die Zeiträume zwischen Ursache und Wirkung werden eher in Jahrzehnten als in Tagen gemessen. Läßt sich der Schaden endlich messen, ist es für wirksame Abwehr meist zu spät. Noch heute steigt FCKW in die Stratosphäre auf, das schon vor mehr als zehn Jahren hergestellt wurde. Der Fluch der leichtsinnigen Tat: Selbst wenn die Menschen sofort auf die Chemikalie verzichten würden, kann schwerer Schaden nicht mehr verhindert werden.