Von Norbert Kostede

Die Joschka-Fans in den Frankfurter Szene-Kneipen hielten den Atem an. Ein halbes Jahr lang konnten sie dem politischen Schwergewicht begeistert zujubeln. "Fischer legt Hanauer Uranschmiede still!" Herrlich, wie der Anti-MOX vom Main auf seinen Gegner in Bonn einschlug: "Atomindustrie vor dem Debakel!"

Doch dann schlug der Bonner Umweltminister zurück. "Töpfer zitiert Fischer nach Bonn." – "Töpfer erteilt Fischer Anweisung." Und weil Joschka Fischer immer noch zappelt, heißt es schließlich: "Töpfer will Fischer in Karlsruhe verklagen." Erregt wartet nun die Fan-Gemeinde, ob ihr Idol sich aus diesem Schwitzkasten befreien kann.

Zuweilen ähnelt Politik tatsächlich dem Catchas-catch-can: Selbst die brutalsten Griffe sind einstudiert, und wer am Schluß den Siegerschrei ausstoßen wird, steht schon am Anfang fest. Ist auch diesmal alles nur Show?

Daß beide Kontrahenten über einschlägige Talente verfügen, haben sie hinreichend demonstriert – als Turnschuh-Minister der eine, als todesmutiger Rhein-Schwimmer der andere. Interessant wird die Paarung nicht zuletzt dadurch, daß Fischer – sollte es eines Tages eine rotgrüne Koalition oder ein Ampelbündnis auf Bundesebene geben – der potentielle Töpfer-Nachfolger ist. Seine heutigen Finten gegen die Atomindustrie garantieren ihm morgen die Mehrheiten auf grünen Bundesversammlungen.

Selbst Fischers fundamentalistische Kritiker in den Reihen der Ökologiebewegung müssen anerkennen, mit welcher Bravour er es verstanden hat, die Widersprüche der deutschen Atomindustrie – nach zwei Medienjahren voller Wiedervereinigungsthemen – erneut auf die Seite eins der Zeitungen zu hieven: Der strahlende Müll aus Kernkraftwerken kann nur auf zwei Wegen entsorgt werden; weil ein Endlager nach wie vor fehlt, setzen die Stromkonzerne auf die Wiederaufarbeitung: Uran und Plutonium sollen dabei zu Mischoxid (MOX)-Brennelementen verarbeitet und erneut in Kernkraftwerken eingesetzt werden. Das Siemens-Werk in Hanau ist der einzige Betrieb in der Bundesrepublik, der solches Plutonium verarbeiten darf.

Als Fischer im Sommer letzten Jahres die Schließung dieses Betriebes anordnete – "Bläheffekte" in Behältern für das Uran-Plutonium-Gemisch traten auf und Mitarbeiter wurden radioaktiv verseucht –, drohte auch der zweite Weg blockiert zu werden. Eine Schwachstellenanalyse des Darmstädter Öko-Instituts, die Fischer in Auftrag gegeben hatte, machte selbst bei den wenig atomkritischen Ministerialbeamten Töpfers Eindruck; zahlreiche Vorschläge, wie der Hanauer Betrieb sicherer gestaltet werden könnte, wurden übernommen.