Von Jürgen Krönig

London, im Februar

Auch die neuesten Umfrageergebnisse helfen nicht weiter: "Die Wähler wissen nicht, was sie wollen", stöhnt ein Wahlkampfstratege der Tories. Ein paar Wochen lang hatten die regierenden Konservativen gehofft, sie hätten die Opposition abgehängt. Das Tory-Hauptquartier und zahlreiche den Konservativen wohlgesonnene Zeitungen haben in einer konzertierten Aktion die Angst der Briten vor den Steuererhöhungsplänen der Labour Party geschürt und die Arbeiterpartei damit in die Defensive gedrängt. Zugleich ist die moralische und politische Urteilsfähigkeit von Labour-Führer Neil Kinnock und von Paddy Ashdown, des Chefs der Liberaldemokraten, mit aufgebauschten Enthüllungen in Frage gestellt worden.

Kinnock wird unterstellt, er sei vor Jahren im Kreml auf vaterlandsfernen Pfaden gewandelt. Die Lektüre seiner Gespräche mit Sowjetgrößen erlaubt jedoch nur den Schluß, daß er seither nicht nur seine Partei reformiert, sondern selbst auch ideologischen Ballast abgeworfen hat. Dem jugendlich wirkenden, charismatischen Paddy Ashdown wird eine außereheliche Affäre "nachgewiesen". Ein Einbrecher hatte just in dieser heißen Vorwahlkampfzeit aus dem Tresor einer Anwaltskanzlei ein vertrauliches Dokument gestohlen und an ein Massenblatt aus dem Hause Murdoch verkauft.

Doch diese Halbwahrheiten, diese Schläge unter die Gürtellinie lassen die Wähler unbeeindruckt. Selbst die Furcht vor Labours Umverteilungsabsichten hält sich in Grenzen. Die letzten Meinungsumfragen sehen Labour wieder mit drei bis vier Prozent vorne. In einer Woche mag es allerdings erneut anders aussehen. Ein Gefühl resignierter Gleichgültigkeit hat die Briten erfaßt; sie mögen die Schlammschlacht nicht; sie glauben nicht, was die Politiker sagen; vor allem wissen sie nicht, wessen Verheißungen sie weniger Glauben schenken sollen.

Die Politiker brauchen nur den Palast von Westminster und die Ministerien in Whitehall zu verlassen und sich in den Straßen der Hauptstadt umzuschauen, um zu begreifen, warum ihre Wortgefechte die Bevölkerung kaltlassen. Die Briten treibt das beklemmende Gefühl um, daß die wirtschaftliche Krise, unter der sie leiden, Symptom eines Übels ist, das so schnell nicht abklingen wird – was immer die Politiker behaupten mögen. Die Zeichen der Depression, die das Land erfaßt hat, sind überall zu erkennen. In den großen Einkaufsstraßen buhlen die Geschäfte schon seit Monaten verzweifelt, aber vergeblich mit reißerischen Schlußverkaufsplakaten um Kunden. Daneben künden mit Brettern vernagelte Schaufenster davon, daß viele Läden bereits zum Opfer der bittersten Rezession seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges geworden sind. An die Obdachlosen, die sich in Hauseingängen und unter Brücken herumdrücken, haben sich die Londoner ebenso gewöhnt wie an junge Bettler, die immer aggressiver Almosen fordern.

Leerstehende Bürohäuser prägen die britische Metropole. Während der Boomzeit der achtziger Jahre waren postmoderne Glas-Beton-Paläste mit prahlerischen Fassaden wie Pilze aus dem Boden geschossen. Aber wer soll dort einziehen, seit die Unternehmensbankrotte 1991 auf bislang unerreichte Rekordhöhe schnellten?