Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Februar

Am kommenden Wochenende treffen sich die Vertreter der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) in Minsk. Viel wird davon abhängen, ob wenigstens einige der elf Staaten zwischen nationalem Rausch und bodenloser Rezession noch den Durchblick dafür finden, was sich in Moskau abspielt. Dort probten am Sonntag die Proletarier der alten Partei den Aufstand gegen Rußland und für die Sowjetunion, gegen die "jüdische" Modernisierung und für eine national-bolschewistische Militarisierung. Jelzin als "Judas", antisemitische Parolen als Angebot der "Werktätigen Rußlands" an die Rechtsradikalen der Pamjat-Bewegung.

Das Manöver des Marsches auf die Manege-Halle unterhalb des Kreml mißlang – noch. Statt der erwarteten halben Million kamen nicht einmal 50 000. Die Rentner und all die Ratlosen, die durch die Preisfreigabe unter die Armutsgrenze gestoßen worden sind, schlossen sich trotz aller Verbitterung der Demonstration nicht an. Die Rechten blieben in ihren Ecken. Noch marschieren Rot und Braun getrennt. Noch droht in Moskau keine Gefahr von der Straße.

Doch die Gefahr droht an anderer Stelle. Die Rotfront-Fanatiker wie die Knobelbecher-Träger der Pamjat lenken nur davon ab, daß sich hinter den Kulissen ein weniger martialischer Populismus und machtvollere Bündnisse eines großrussischen Neoimperialismus herausbilden. Diese Front müßte die anderen GUS-Staaten in Minsk alarmieren – und sie, trotz aller Differenzen, mit Boris Jelzin paktieren lassen, der seinen Kurs auf Pragmatismus statt auf Nationalismus richtet.

Die neue patriotische Front wächst um Jelzins Vizepräsidenten Alexander Rutzkoj zusammen – aus kommunistischer Elite und Kollektivfarmen, aus Militärindustrie und Börsenbossen. Sie paßt ihre Strategie und Taktik der politischen Landschaft an, wie sie sich seit der Preisfreigabe vom 2. Januar darstellt. Trotz Pauperisierung, Panik und Protest ist Boris Jelzins Autorität vorerst fast ungebrochen geblieben. Viele Russen nehmen weiter seinen Willen für die auch von ihm kaum zu bewältigende Tat: "In allen ihren Prüfungen und Leiden", so konzedierte selbst die reformfeindliche Moskowskaja Prawda bittersüß, "sind sie bereit, jeden zu verdammen – außer Boris Nikolajewitsch." Die verzweifelten in allen Regionen, Branchen und Schichten drohen Streiks an, aber die großen Aufstände – wie gegen Gorbatschows Parteiklüngel – wollen auch die Ärmsten ihrem Boris Jelzin bisher nicht antun, weder in den Bergwerken noch an den Bohrtürmen.