Von Sabine Etzold

Berlin, im Februar

Im dritten Stock des rechten Flügels der Berliner Humboldt-Universität herrscht Aufbruchstimmung. Baugerüste und Farbeimer verheißen Erneuerung der abgewohnten, durch die Abwicklung freigewordenen Räume. Hier richtet sich das Institut für Geschichtswissenschaften ein – mit Blick auf den einstigen Prachtboulevard Unter den Linden und das Denkmal Friedrichs des Großen. Von sechs frisch berufenen Professoren kommen fünf aus dem Westen: Heinrich August Winkler aus Freiburg, Wolfgang Hardtwig (Erlangen), Hartmut Kaelble von der Berliner FU, Wilfried Nippel (Bielefeld), Ludolf Herbst vom Münchner Institut für Zeitgeschichte.

Als hochgeachtete Repräsentanten der deutschen Geschichtswissenschaft sollen sie dafür bürgen, daß Berlins Wissenschaftssenator Manfred Ehrhardt (CDU) sein ehrgeiziges Konzept zur Erneuerung der Humboldt-Universität verwirklichen kann. Von Anfang an hat er auf Spitzenleistung und Elite gesetzt. Ein überdurchschnittlich attraktives Angebot soll zum Magneten werden und dem mittlerweile ramponierten Ruf der Universitätsstadt Berlin wieder zu internationaler Reputation verhelfen. Obendrein will der Senator den innerstädtischen Wettbewerb zwischen den Universitäten ankurbeln und vor allem die behäbige Freie Universität unter Wettbewerbsdruck setzen.

Besondere Hoffnungen knüpft Erhardt dabei an die Erneuerung des Instituts für Geschichtswissenschaften. Nach dem Abwicklungsbeschluß der Landesregierung vom Dezember 1990 nahm eine paritätisch mit ost- und westdeutschen Wissenschaftlern besetzte Struktur- und Berufungskommission unter der Leitung des Münchner Historikers Gerhard Ritter die Arbeit auf. 23 Professorenstellen wurden neu ausgeschrieben. Doch während die Ritter-Kommission aus dem Vollen schöpfend Lehrstuhl für Lehrstuhl bearbeitete, ereignete sich Unvorhergesehenes. Das Oberverwaltungsgericht gab der Humboldt-Universität recht, die gegen den Abwicklungsbeschluß geklagt hatte. Fachbereiche, die nicht verschwinden, sondern erneuert werden, dürfen nicht abgewickelt werden, entschieden die Richter im Frühjahr vorigen Jahres.

Das bedeutet: Auch die alten Lehrstuhlinhaber können nicht einfach "abgewickelt", sondern müssen einzeln gekündigt werden – und dies möglichst bis zum 3. Oktober 1992. Bis zu diesem Datum nämlich gelten noch die Sondertatbestände des Kündigungsrechts, die der Einigungsvertrag festlegt: politische Belastung, mangelnde Qualifikation oder Bedarf. Für die Erneuerer und Reform-Eiferer ist das Urteil ein schwerer Rückschlag. Nun müssen sie plötzlich wieder mit den "Alten" rechnen, von denen viele sich vor dem Arbeitsgericht gegen ihre Kündigung wehren werden. "Das ist der dramatische Grundkonflikt", faßt Prorektor Ulrich Reinisch zusammen, "wir haben hier ein allmählich sich neu aufbauendes Institut mit wirklich bekannten und prominenten Namen. Und daneben haben wir einen Anteil von alten Hochschullehrern. Und kein Mensch weiß bis jetzt, wie man das übereinanderbringt."

Das alte, das Ost-Institut, ist im linken, Flügel der Universität untergebracht. Es sieht so aus, als habe sich jahrelang nicht einmal eine Putzfrau, geschweige denn ein Anstreicher dorthin verirrt. Hier lehrt und forscht man unter Bedingungen, die im Westen niemandem zugemutet würden. Aber nicht die Tatsache, daß sich mitunter drei oder mehr Professoren eines der finsteren Stübchen teilen müssen, bringt die Wissenschaftler auf. Daß sie oft nur bei indirektem Licht arbeiten können und die Wände schon selbst streichen müssen, wenn es ein bißchen besser aussehen soll, nehmen Institutsmitglieder gelassen hin. Das sind sie gewöhnt. Es ist die Behandlung, die sie verbittert.