Von Rudolf Walter Leonhardt

Am 29. Januar starb in Bern, 81jährig, Jean-Louis Jeanmaire, bis 1975 General der Schweizer Armee, seit 1977 zwölf Jahre lang Zuchthäusler, wegen Landesverrats verurteilt in einem Prozeß, den das Schweizer Militärgericht, den auch der damalige Bundespräsident Gnägi und Justizminister Furgler wohl gern vergessen würden. Diesen Eindruck jedenfalls gewinnt man, wenn man die Geschichte des Brigadiers liest, wie sie von einem aufgezeichnet wurde, der nun wirklich als Fachmann in Sachen Landesverrat gelten darf: dem Erfinder von Smiley und Karla, dem britischen Agenten-Thriller-Autor John LeCarré.

"Ein guter Soldat" heißt bei uns das gleichzeitig in England und Deutschland erschienene Buch, weil deutsche Verleger in dem schwer erklärlichen Wahn leben, sie könnten bessere Titel machen als die Ausländer; in England heißt es "The Unbearable Peace".

Der Originaltitel leitet sich ab aus einem Interpretationsversuch des Autors: Wer als Berufssoldat lebt in einem Land, das nächst Israel die größte stehende Armee der Welt unterhält und doch seit Menschengedenken weder in einen Krieg verwickelt noch wirklich von einem Krieg bedroht worden ist, der läuft Gefahr durchzudrehen.

Und das ist das mindeste, was man von Jean-Louis Jeanmaire sagen kann, der gewiß kein guter Soldat war, aber ebenso gewiß auch kein guter Spion und schon gar nicht "der Verräter des Jahrhunderts", zu dem er am 8. Oktober 1976 von der Schweizer Blick-Zeitung emporstilisiert wurde.

Jeanmaires Militärkarriere war nicht gerade steil, aber stetig: 1937 Instruktor, 1940 Hauptmann, 1947 Major, 1956 Oberstleutnant, 1969 Brigadier. 1943 heiratete er die in Rußland geborene Schweizerin Marie-Louise, deren Familie 1919 von den Bolschewisten enteignet und vertrieben worden war. Durch ihre und vor allem ihrer Mutter Juliette Erzählungen entwickelte er eine große Liebe zum zaristischen Rußland und einen großen Haß auf die Kommunisten. Als er im April 1959 den Oberst Wassilij Denissenko von der sowjetischen Botschaft kennenlernte, glaubte er in ihm genau den Typ zu erkennen, den er liebte. Nach LeCarré: "Deni war kultiviert, charmant, ehrenwert, ein Gentleman! Deni war Held von Stalingrad, er hat die Schweizer Armee bewundert! Deni war kein Bolschewik: er war Kavallerist, Zarist, ein Offizier der alten Schule!" In Wirklichkeit freilich gehörte Deni zum militärischen Geheimdienst der Sowjetunion und war vielleicht eigens auf Jeanmaire angesetzt.

Und Jeanmaire, daran gibt es keinen Zweifel, hat ihm geheimes Material ausgehändigt. Warum wohl? Geld hat er dafür nicht genommen. Ein kostbares Armband, das Deni Frau Marie-Louise geschenkt hatte, ist wohl eher als Dank für gehabte Liebestreuden zu verstehen. Aus Ärger darüber, daß er sich von der Schweizer Armee schlecht behandelt und zurückgesetzt fühlte? Da klingt beinahe noch glaubhafter, was Jeanmaire immer wieder als sein Motiv genannt hat: Er hatte die Sowjets davon überzeugen wollen, daß die Schweiz ein hochgerüstetes Land sei, das jedem Angriff standhalten könnte. Im Schlußwort des Prozesses, in dem er 1976 zu achtzehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, sagte er: "Es war nie meine Absicht, mein Land zu verraten. Sollte ich irgendeinen Schaden angerichtet haben, tut es mir leid."