Soziale Unruhen könnten das wirtschaftliche Reformprogramm zum Scheitern bringen

Von Gabriele Venzky

Es ist nicht nur der russische Präsident Boris Jelzin, dem die steigenden Preise zum Verhängnis werden können. Das gleiche Schicksal droht Indiens Reformern. Vor sieben Monaten legte die neue indische Regierung Nehrus Staatssozialismus mit viel Mut und noch mehr Verzweiflung zu den Akten und öffnete ihr gegängeltes, abgeschottetes Land der freien Marktwirtschaft.

Das Wort Sozialismus kommt mittlerweile nur noch in der Präambel der Verfassung vor. Fast alles andere hat sich verändert. Viel zu langsam für die ausländischen Geschäftsleute, die wider indisches Erwarten keineswegs Schlange stehen, um ihr Geld zu investieren. Aber viel zu schnell für die meisten Inder, denen wie im Ostblock nun die bequemen, von oben verordneten Orientierungsdaten fehlen. Doch was vor einem halben Jahr noch von den einen zähneknirschend als "Es gibt eben keine Alternative" akzeptiert und von manchen gar als die große Wende "nach vierzig verlorenen Jahren" gefeiert wurde, wird, nun Gegenstand wachsender Kritik.

Der Illusion vom sofortigen Wohlstand nach westlichem Muster steht die bittere Realität steigender Preise, wachsender Arbeitslosigkeit und eine um sich greifende Zukunftsangst gegenüber. Daß es Premierminister P.V. Narasimha Rao und seinem Finanzminister Manmohan Singh gelingt, Indien den überlebenswichtigen Anschluß an die internationale Entwicklung zu verschaffen, wird immer zweifelhafter. Der Widerstand gegen die Reform formiert sich.

Gewalt zwischen den Kasten

In Bangalore versuchten 22 000 empörte Bauern das größte gesellschaftliche Ereignis der Saison, die Eröffnung der 23. Indischen Filmfestspiele, zu verhindern, weil der Staat sich nicht genügend um ihre Nöte kümmere. In Bombay demonstrierten Tausende gegen die steigenden Preise und die Pläne der Regierung, hoffnungslos unrentable Betriebe stillzulegen. Dazu gehören auch die Textilspinnereien, von denen jeder vierte Einwohner der Zwölfmillionenmetropole direkt oder indirekt abhängig ist. In Delhi gingen die Bürokraten auf die Straße, deren Zahl und Privilegien die unter argen Finanznöten leidende Regierung zurechtstutzen will. Im Staat Uttar Pradesh verbrannte die Privatarmee der Landbesitzer bei lebendigem Leibe "unbotmäßige" Angehörige niedriger Kasten, die nach sozialer Gerechtigkeit schrieen.