Für die Römer war das Mittelmeer ein mare nostrum ihres Imperiums, für uns Europäer wurde es zum Rio Grande an der Bruchstelle zwischen Nord und Süd. Dahinter beginnt eine andere Welt, unbekannt, unverständlich, bedrohlich.

Die letzten, die noch einen leisen Nachklang von „unserem Meer“ im Ohr behielten, waren die Franzosen. Schließlich galt ihnen Algerien über ein Jahrhundert lang als Garten am anderen Ufer. Vor genau dreißig Jahren beendete die Unabhängigkeit ihre Kolonialherrschaft auch hier. Frankreich wandte sich entschlossen Europa und dem Norden zu; Algerien pflegte einen Nationalismus, sozialistisch und arabisch gefärbt, der das Land zu einem Fürsprecher des Südens machte.

Der Aufstand der Islamisten und der Aufmarsch der Armee erinnern uns in diesen Tagen daran, daß der Nord-Süd-Dialog nicht nur am Konferenztisch stattfinden kann. Algerien bebt, und Europa befällt ein Zittern – nicht um die Demokratie, die „da unten“ am Entstehen war, auch nicht um das Erdgas, das derzeit als Energiequelle so wichtig nicht mehr scheint. Nein, Angst verbreitet die drohende Flüchtlingswelle.

Als die Islamisten Ende Dezember im ersten Urnengang der ersten freien Parlamentswahl triumphierten, traten westlich geprägte Mediziner, Ingenieure, Intellektuelle die Reise an. Freilich brachen sie nicht nach Europa auf, sondern ins benachbarte Marokko und Tunesien oder gar nach Kanada. Dort finden sie leichter Aufnahme als in der EG, die ihre Grenzen immer dichter macht. Doch die europäische Angst vor einem Einmarsch der Eliten bleibt: Aus der Kolonialzeit haben viele Algerier Anrecht auf einen französischen Paß; den kann ihnen auch eine verschärfte Ausländerpolitik der Zwölfergemeinschaft so leicht nicht nehmen.

Gestern trieb manchen Algerier das Gespenst einer islamistischen Republik in die Fremde; morgen könnte es das Grauen eines Bürgerkrieges zwischen einer zivil verbrämten Militärdiktatur und einer verelendeten Jugend sein, die sich die Islamisten zu ihren Anwälten auserkor. Gestern rüttelte uns Europäer der Alpdruck eines Gottesstaates am Südrand des Mittelmeeres wach. Doch schon heute lassen uns die Bilder der Gewalt aus Algeriens Straßen wieder in die gewohnte Gleichgültigkeit sinken.

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker, eben noch im Falle Jugoslawiens hochgehalten, oder die vielgepriesene Demokratie sind manch verängstigtem Kommentator hierzulande plötzlich kaum mehr wert als den Herren des alten und neuen Regimes in Algier. Die wollen nun die Verzweiflung der vielen mit Bajonetten niederhalten und die Profiteure der korrupten Wirtschaft weiter ungeschoren lassen.

Das rasche Desinteresse läßt stutzen: Erwarten wir vom „Süden“ nichts anderes mehr? Beruhigt uns womöglich gar die Vorstellung, ein bißchen Militärdiktatur sei allemal besser als die Machtübernahme der Islamisten – besser für unsere Ausländerstatistik jedenfalls, weil dort unten jetzt ein starker Arm den eben noch drohenden Ansturm auf unsere Grenze, auf unseren Limes stoppt?