Der FC Dynamo Dresden: ein Fußballverein

mit Vergangenheit

Von Christoph Dieckmann

Noch lächelte das Orakel, aber es drohte schon. "Über Torsten Gütschow gibt es tausend Geschichten. Und es werden täglich mehr." Schöpfer dieser Zeilen im Dynamo-Journal war Ende letzten Jahres Gert Zimmermann, Stadionsprecher bei Dynamo Dresden und Kolumnist der Morgenpost.

Am 24. Januar lud Zimmermann, genannt "Windhund", Torjäger Gütschow in die Redaktion, wo dieser erfuhr, er sei als Stasi-IM "Schröter" entdeckt. Gütschow erbleichte, rief seinen Vereinspräsidenten an und machte Meldung. Der Rest war Schlagzeile: Schock, Skandal, der Held ein Lump! Gütschow: Rücktritt vom Fußball! Dementi, Verkauf nach Spanien, Widerruf, Beistand durch die Mannschaft, Zusammenbruch der Ehefrau – ob der Enttarnung, nicht wegen der Spitzelei, von der Andrea Gütschow zehn Jahre lang wußte. Auch andere bekannten sich schuldig: der Stopper Lieberam, der Mannschaftsarzt Klein, der Masseur Friedl, frühere Dynamo-Spieler wie Trautmann, Schade und Weber. Unterdes schwappte die Stasi-Woge weiter, erreichte Rostock und machte nasse Füße auch in Hamburg, Leverkusen und Rom. Jörg Kretzschmar von Hannover 96, früher Dresden, hatte behauptet: Wohl jeder wichtige Spieler aus Mielkes Sportvereinigung Dynamo habe Dreck am Stecken. Besser hätte er gesagt: Jeder Ost-Fußballer war DDR-Bürger.

Das Tribunal findet statt. Es wird gestritten, daß es "nur so bufft und kracht", wie man in Dresden sagt. Mikrokosmos Fußball: Alles, was sich derzeit abspielt in der DDR, ist in dieser kleinen Welt zu finden – die Eruption lange angestauter Geschichte, Täter, Opfer, Opfertäter, Angriff, Defensive, Zerknirschung und die Moral des Clans. Früher: Deckel drauf! jetzt: Da müssen wir durch!

Dynamos Präsident Ziegenbalg hat dringend Akteneinsicht für alle Akteure des Clubs beantragt und geht, bis zum Erweis des Gegenteils, davon aus, "daß niemand jemandem wirklich geschadet hat". Diese Formel ist allseits Konsens, und eines weiß jeder: Im Westen haben sie keine Ahnung, wie das im Osten wirklich gelaufen ist mit dem Fußball.