Der Trainer bestätigt das. Helmut Schulte, Sauerländer und zuvor am Ruder des FC St. Pauli, hat in sieben Monaten Dresden viel gelernt. Als erstes: "Wo früher der Knüppel regierte, kann man nicht gleich mit langer Leine herrschen." Total unselbständig seien die Spieler gewesen. "Individualität wurde ja nicht gefördert, sondern kaputtgemacht." Dem Leitwolf eins drauf, dann spurten die anderen. Andererseits gebe es in Dresden noch richtige Kameradschaft. "Die steckten ja dauernd zusammen."

An der Stasi-Debatte stört ihn, wie im Westen über einen Kamm geschoren wird. "Stasi ja oder nein – das funktioniert hier überhaupt nicht. Hier muß man differenzieren: Ging’s um die Karriere? Ging’s um Geld? Oder war das nur so’n armer Willy wie Lieberam, dem sie gesagt haben: Entweder du vereierst bei Stahl Riesa, oder du unterschreibst und darfst dafür zu Dynamo." Viel mehr ekelt sich Schulte vor Leuten, die nach den Schwächen junger Spieler forschten, um dort hineinzustoßen. Ansonsten: "Im Westen mußt du auch mit Arschlöchern spielen, die sind oft noch schlimmer. Bloß, was da passiert, ist eben gesellschaftsfähig."

Torsten Gütschow, nach seinem Hamster "Horschtl" gerufen, war knapp zwanzig und grenzenlos verknallt in Andrea. Die Stasi nahm ihn zur Brust und erklärte, das Mädchen sei kein Umgang für einen Dynamo-Spieler. Gütschow erfuhr, Andreas Eltern gehörten einer kriminellen Bande an und planten obendrein, nach dem Westen auszureisen. ("Das stimmte dann gar nicht.") Außerdem ziehe man ihn demnächst zur Armee – es sei denn, seine Treue zum sozialistischen Vaterland schlüge auch literarisch zu Buche beziehungsweise zu den Akten des MfS.

Gütschow versuchte die große Terz: Andrea, Dynamo und die empfohlene Liebe zur DDR. Am 20. Mai 1982 unterschrieb er seine Verpflichtungserklärung als Informeller Mitarbeiter, warnte die künftigen Schwiegereltern vor sich selbst und lieferte hinfort hochbrisantes Material in Kinderschrift: "Ziegenbalg, Wolf-Rüdiger", schrieb er, "charakterlich: nicht geizig, freundlich, hilfsbereit, kontaktfreudig, teilweise überheblich. Negative pol. Äußerungen von ihm kenne ich nicht. Verfügt über Westgeld, da er Kleidung trägt, die es nur im Intershop gibt. Woher er das Geld hat, ist mir nicht bekannt."

Undankbarerweise bezeichnet Ziegenbalg jetzt dieses sensible Portrait als "Müll". Auch die Stasi war nicht recht zufrieden. Es gehörte zur Schizophrenie der "Firma", daß günstiges Zeugnis ihr verdächtiger erschien als die ertappte schwarze Seele. Top-Spion Gütschow wurde bedeutet, seine Informationen müßten "besser" werden, "nicht bloß, was einer im Ausland gekauft hat, Marianne-Rosenberg-Platte oder so". Als wäre solcher Musikgeschmack nicht auch schon der Ahndung wert!

Schluß, aus, abgehakt

Drei Typen warb die Stasi gerne an: skrupellose Karrieristen, Erpreßbare und solche, die sich "keinen Kopp machten", auch mangels entsprechender Ausstattung. Torsten Gütschow, zwischen Typus zwei und drei angesiedelt, ist kein intellektueller Sonnenaufgang. Bar aller Allüren, richtig Kumpel, sächselt er frei heraus. Ja, hin und wieder habe er sich schon gesagt: Mann, was machst du da! Immer der Druck. Immer die Angst, "daß dich einer sieht mit so ’nem Lederjacken-Stasi". Gütschows Verdrängungskünste siegten und siegen. "Damals hatte ich keine Wahl, jetzt auch nicht. Meins ist raus. Schluß, aus. Das Thema ist für mich abgehakt. Klar, menschlich bleibt das dein Leben lang. Bloß, ich muß mich jetzt voll auf den Fußball konzentrieren, sonst kann ich gleich aufhören." Auch gebe es Dringenderes im Land als die Stasi-Debatte. Gütschows Mutter ist arbeitslos. Die drei Schwestern: arbeitslos. Der Schwiegervater: arbeitslos. Nur Schwiegermutter hat einen krisenfesten Job, auf dem Arbeitsamt.