Von Ilanns-Bruno Kammertöns

Wie aus dem Fernsehen bekannt, genügt meist ein roter Teppich. Kommt ein König zu Besuch, dann wird er ausgerollt, der Teppich, und wenig später wieder eingerollt. Was aber ist zu tun, wenn der König kommt? Wieder nur ein Teppich? Courchevel, jener mäßig verträumte Ort in den Bergen Hoch-Savoyens, machte es vor. Man griff zu Beton und baute kurzerhand den örtlichen Flughafen aus. Am Ende hatte die Piste des „Altiport“ in rund 2000 Meter Höhe jene Länge, die große Jets zur Landung brauchen. Es war soweit. Präsident Juan Antonio Samaranch mit seinem Gefolge vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) konnte kommen.

Mehr Rollbahn einerseits, Olympische Spiele andererseits. Wer will sich bei all der Freude noch daran erinnern, wie unwürdig eigentlich alles begann? Dieser Handel im Jahre 1986, als sich das IOC mit dem Spanier Samaranch an der Spitze für Barcelona und gegen Paris entschied. Im Gegenzug dazu, als Trostpreis gewissermaßen, die Winterspiele für Frankreich. Schnee von gestern. Seit letztem Samstag richtet sich ein weltweites Interesse auf einen Ort namens Albertville, als Stätte von Metall- und Chemieindustrie bislang allenfalls von regionaler Bedeutung.

Viel spricht dafür, daß sich die rund 19 000 Einwohner von Albertville mit dieser Reputation durchaus hätten begnügen können, wäre nicht die Anbindung der Stadt an die Außenwelt zunehmend als unbefriedigend empfunden worden. Was fehlte, waren vernünftige Straßen und dazu ein Bahnhof, der seinen Namen auch verdient.

Diese Rechnung zumindest ging auf. Die Zahl der Züge, die in dem runderneuerten Bahnhof einen Stop einlegen, ist gestiegen. Nach Moutiers führt nun eine Schnellstraße, nach Chambéry eine neue Autobahn, die auf einer Länge von mehreren Kilometern unverzüglich mit kleinen, weißen Fähnchen geschmückt wurde: Le primeur sourir des jeux – das erste Lächeln der Spiele.

Was die anderen Segnungen anbelangt, die Olympia für Albertville mit sich brachte, scheint die Begeisterung merklich kleiner auszufallen. Jenes imposante Stahlgerüst zum Beispiel, das die Arena umsäumt, in der unter Einsatz von Tieffliegern, Sphärenklängen und mystischen Tänzen die Eröffnung der Spiele gefeiert wurde – Fahnenschmuck, der ein Lächeln empfiehlt, sucht man hier vergebens. Allenfalls hier und da rote Schmuckbänder, deren Aufschrift „Savoyen feiert“ sich liest wie ein Tagesbefehl an die Truppe. Dabei kommt, alles in allem, Albertville bei diesen Spielen doch glimpflich davon. Ausgezahlt haben dürfte sich vor allem, daß richtiger Wintersport auf rund 340 Meter Meereshöhe nun wirklich nicht zu machen ist. Die Stadt ist Namensgeber der Winterspiele, eine Art gemeinsamer Nenner, nicht weniger, aber auch nicht viel mehr. Die olympische Musik spielt anderswo, und dort wurden harte Tatsachen geschaffen.

Rund 10 000 Kubikmeter Beton wurden herbeigeschafft, damit im dörflichen La Plagne eine Bob- und Rodelbahn mit neunzehn Kurven Gestalt annehmen konnte. Auch das zur Vereisung benötigte Ammoniak wurde geliefert. Die Menge ist beträchtlich, rund fünfzig Tonnen, was die Verantwortlichen dazu veranlaßte, vorsorglich Gasmasken an alle Anlieger der Bobbahn herauszugeben.