Den Managern aus Schweden fiel ein Geschenk in den Schoß, das sie sich für Geld nicht hätten kaufen können: Aus Leningrad wurde wieder St. Petersburg. Und dieser Name, in dem bis heute etwas vom vorrevolutionären Glanz der ehemaligen russischen Hauptstadt aufleuchtet, kann dem Image eines Grandhotels nur förderlich sein. Niemand, der in diesen dunklen, naßnebligen Wintertagen über den Newskij-Prospekt wandert, wird die leuchtend sonnengelbe Fassade mit der Aufschrift "Grand Hotel Europe" übersehen können. Doch dies ist nur die Schmalseite des historischen Bauwerks, das sich mit stuckverzierter Außenfront fast 200 Meter weit in die Michailowskaja-Straße hineinzieht.

Zweieinhalb Jahre dauerte es, das aus der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts stammende Hotel gemäß den strengen Gesetzen des Denkmalschutzes für 110 Millionen Dollar wieder erstehen zu lassen – ein Joint-venture zwischen Intourist, der skandinavischen Luxushotelkette Reso und einer schwedischen Baufirma. Das Innendekor schwelgt in Reminiszenzen an die Jugendstilepoche, Art-deco-Glasfenster von erlesener Schönheit in der Bar und im Speiseraum lassen die Ära wieder aufleben, in der so berühmte Schriftsteller wie Maxim Gorkij, Fjodor Dostojewskij und Nikolaj Gogol zu den Gästen des Hauses zählten. Dreihundert Zimmer, mehrere Suiten und neu hinzugefügte Penthouse-Appartements bieten Komfort der Spitzenklasse.

Die moderne Inneneinrichtung wurde aus Skandinavien importiert. Damit es den Geschäftsleuten, die hier zu Preisen zwischen 300 und 440 US-Dollar Quartier beziehen, an nichts fehle, wird die Küche regelmäßig mit frischer Ware aus Schweden beliefert. In einem Vertrag hat sich das skandinavische Management dazu verpflichtet, das überwiegend russische Personal für Hotellerieaufgaben zu schulen. Mit einem Salär bis zu tausend Rubel im Monat liegt dessen Entlohnung so deutlich über dem Durchschnittseinkommen der Bevölkerung, daß sich auch ehemalige Professoren und Lehrer im ungewohnten Hoteljob verdingen.

Zu oft waren in den zurückliegenden Jahren in St. Petersburg historische Gebäude abgerissen worden, als daß die Russen nicht ein strenges Auge auf die Renovierungsarbeiten gehabt hätten. 1987 erst hatte eine Bürgerbewegung vergebens versucht, das historische Hotel "Angleterre" zu retten. Diesmal sollte nichts schiefgehen. So war denn während der Umbauarbeiten auch der streitbare Moderator der populären russischen Fernsehsendung 600 Sekunden, Alexej Newsorow, aufgetaucht, mit dem Ansinnen, Verfehlungen bei den Denkmalschutz-Vorschriften sofort zu einem Skandal hochzuspielen. Doch zur Klage fand er keinen Grund.

Das wieder erstandene Haus macht seinem exklusiven Standort alle Ehre. Es liegt in unmittelbarer Nähe des Russischen Museums mit dem Puschkin-Denkmal davor und genau gegenüber der St. Petersburger Philharmonie. In deren Konzertsaal hatte – noch während der 900-Tage-Belagerung Leningrads durch deutsche Truppen – am 9. August 1942 die legendäre Aufführung von Schostakowitschs Siebenter Symphonie stattgefunden.

Derzeit wagt niemand eine Prognose, wann erstmals außer europäischen, amerikanischen und japanischen Joint-venture-Reisenden auch Besucher aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion hier Quartier beziehen werden. Zögernd nur wagen in diesen Tagen Leningrader Bürger die ersten Schritte in das zum Hotel gehörende Restaurant "Sadko", in dem für Preise um 400 Rubel – was in etwa dem Durchschnittseinkommen der Stadtbewohner entspricht – russische Gerichte serviert werden. Ein Betrag, den sich wohl höchstens jene leisten können, die mit Schwarzmarktgeschäften und illegalem Devisenhandel zu Geld gekommen sind.

In einer Nebenstraße wirbt die italienische Eis- und Imbißstube "Gino Ginelli" mit Hühnersuppe für 460 Rubel ebenfalls um St. Petersburger Publikum. In der "Tschajka" auf dem Newskij-Prospekt, dem seit vier Jahren von einem Hamburger geführten Restaurant mit Hafenkneipenatmosphäre, muß für Labskaus, Bratkartoffeln und deutsches Bier allerdings noch in harter Währung gezahlt werden. Die St. Petersburger Stadtverwaltung ist froh über diese neuen gastronomischen Oasen, die Besuchern aus dem Westen den Aufenthalt an der Newa angenehm machen sollen, denn die Touristenzahlen sind im vergangenen Jahr drastisch zurückgegangen.

In ihrem Erwerbseifer schrecken die neuen Investoren allerdings auch vor Zynismus nicht zurück. In einer grünweißroten ganzseitigen Anzeige im Inflight Magazine der Fluggesellschaft Aeioflot ist die provokante Frage zu lesen: "Hungry?" Die Antwort lautet: "Call for Pizza!" Wer hungrig ist, braucht also nur eine der beiden Telephonnummern anzurufen, und schon wird die Pizza ins Haus geliefert. Im Zeitraum von einer halten bis einer ganzen Stunde. Rosemarie Noack