Helsinki kann nun eigene Außenpolitik betreiben und tut sich schwer damit

Von Fredy Gsteiger

Helsinki, im Februar

Ihr Parfüm riecht schwer, süß und sozialistisch. Maja kommt aus Estland. Ein bißchen plump, vor allem aber schüchtern nähert sie sich den Männern in der „Fizz-Bar“ an Helsinkis Mannerheimintje. Sie ist neu im Geschäft der Prostitution. Das Ambiente dieses „In“-Nachtklubs, wo sich finnische Geschäftsleute in Nadelstreifen oder Wollpullis tummeln, ist ihr fremd. Maja ist dreifache Mutter. Die 2000 Finnmark (etwa 800 Mark), die sie während der Tage zu verdienen hofft, die sie mit einem Touristenvisum in Helsinki verbringt, sind zu Hause viel Geld. „Nur für die Kinder tue ich das.“

Ihr Mann Toivo hat Maja auf der dreistündigen Schiffahrt über den Meerbusen begleitet. Auch er verdient sich „Westgeld“, unten am Hafen. Dort hat sich, illegal zwar, aber von der Polizei geduldet, ein „Russenmarkt“ etabliert. Von Kaviar bis Kristall, von Wodka bis Sportdoping reicht das Billigangebot. Hier stehen Russen und Balten mit dicken Pelzmützen den ganzen Tag lang, bis ihre großen Taschen mit Schmuggelware leer sind. Um zehn Prozent schlechter als im Vorjahr sei sein Weihnachtsverkauf ausgefallen, klagt der Geschäftsführer eines Alkoholladens in der Aleksanterinkatu: „Die Finnen trinken nicht weniger. Aber ich spüre neue Konkurrenten.“ Auch die russische und estnische Mafia hält Einzug im bislang fast kriminalitätsfreien Finnland.

Nirgendwo in Europa ist das Wohlstandsgefälle so kraß wie an der 1320 Kilometer langen finnisch-russischen Grenze. „Wir sind zu weit weg, hier ist es zu kalt, und unsere Sprache ist zu schwierig“, beruhigten sich bislang die Finnen, die nur 20 000 Ausländer – zumeist Nordländer – in ihrem Fünfmillionenstaat beherbergen. Allenfalls vor deutschen Horden auf der Jagd nach Sommerhäusern fürchteten sie sich. Doch nun drängen die Menschen aus den ehedem sozialistischen Nachbarländern in das Paradies der Wälder, Seen – und Bananen.

Wildwest gleich an der Grenze