ZEIT: Herr Stolpe, mit Ihrem in Teilen veröffentlichten Rechenschaftsbericht wollten Sie, wie wir es verstehen, ein Gespräch, auch ein selbstkritisches Gespräch in Gang bringen. Ihr kritischer Rückblick auf Ihre Dienstjahre in der DDR hätte aber nicht soviel Furore gemacht ohne die Berichte über Ihre Gespräche mit Vertretern der Staatssicherheit.

Bischof Forck, Sie haben mit deutlicher Distanz gesagt, die Kirche solle keine Geheimdiplomatie treiben. Herr Stolpe hat es dennoch getan. Warum sollte die Kirche es nicht tun – und warum mußte sie es tun?

Forck: Überall da, wo es nötig war, für Hilfesuchende alle Möglichkeiten auszuschöpfen, hätte ich dafür Verständnis, daß man diesen Weg gegangen ist. Meine Frage ist, ob es richtig war, die Anliegen der Kirche über den Kanal des Staatssicherheitsdienstes noch einmal einzuspeisen, weil man wußte, daß dies dann auch in die richtigen Instanzen wirkt. Für mein Empfinden muß die Kirche Wert darauf legen, daß sie das, was sie tut, vor allen Menschen verantworten kann. Bei humanitärer Hilfe dagegen muß man alle Möglichkeiten ausschöpfen, um für Menschen auch wirksam zu werden. An der Stelle gilt der Vergleich mit Propst Grüber, der in der NS-Zeit für die damals verfolgten Juden in Ausreisefragen und ähnlichen Dingen auch mit der Gestapo Kontakt aufgenommen hat, um Dinge zu bewegen, die sonst nicht hätten bewegt werden können.

ZEIT: Wir haben Sie, Herr Stolpe, so verstanden, als ob Sie bei der Staatssicherheit auch andere Anliegen als nur individuell humanitäre zur Geltung bringen wollten.

Stolpe: Das hängt für mich mit dem System der Macht in dieser Diktatur zusammen. Der Staatssicherheitsdienst war schließlich die Instanz, die den Schlüssel zu dem Gesamtgefängnis in der Hand hatte und die zugleich im Laufe der letzten fünfzehn Jahre mehr und mehr zur Hauptinformationsquelle auch der Partei wurde.

Dieser Teil des Machtapparats hatte also eine doppelte Bedeutung: Das eine war der Schlüssel zur Freiheit für einzelne Menschen, aber auch zur Bewegungsfreiheit für Gruppen oder Einrichtungen. Das andere war der Einfluß auf die Entscheidung der Partei.

ZEIT: Bischof Forck, ging Herr Stolpe zu weit?