Pech gehabt! Die zweimotorige Norman-Islander war bereits in den Wolken verschwunden. Ich hatte den Flug nach Georgetown verpaßt. Die nächste Maschine der Surinam Airways würde am Dienstag gehen. Heute war Freitag. „Ich kann Sie gerne umbuchen“, tröstete mich Henk Bijlhout, der freundliche Flughafendirektor, ein baumlanger Mulatte. In Surinams Hauptstadt Paramaribo die Zeit totzuschlagen – nein, es müßte doch möglich sein, auf dem Landweg nach Guyana vorzudringen.

Ja, man hatte von der Möglichkeit gehört. Aber die Grenze sei zu; die Straße unterbrochen; die Fähre gesunken; man brauchte einige Tage. Die Sache sei in drei, vier Stunden zu machen, meinten andere. Sie hockten mit ihrem Gepäck im Schatten der Bäume. Nach Nieuw Nickerie? Yes, si, si mijnher! Da wollten sie auch hin: der indische Geschäftsmann mit seiner bildschönen Tochter, die Negerfamilie mit ihrem Hausrat aus Körben und Töpfen; junge Kreolen, offenbar Arbeiter einer Zuckerrohrplantage; und ein Schwarm schwarzer Diakonissinnen. Alle harrten geduldig in der Mittagshitze aus und wehrten die ambulanten Händler ab wie lästige Fliegen.

Armeelaster, Eselskarren, schrottreife Buicks und überfüllte, klapprige Busse quälten sich durch die Schlaglöcher – ein Vehikel nach Nieuw Nickerie war nicht darunter. Nach zwei Stunden aber geschah ein Wunder. Wie auf ein Kommando stürmte die Menge einen japanischen Kleinbus, der seine menschliche Fracht gerade entladen wollte. Die einen stiegen also zur Tür heraus, die anderen kletterten zum Fenster hinein, bis der Bus mit Passagieren so prallgestopft war wie eine Weißwurst. Der Fahrer goß Motoröl nach, und dann konnte es unter lautem Gehupe losgehen.

Paramaribo bleibt zurück, die Straße zieht schnurgerade hinaus in die tropische Landschaft, in der die Wedel der Kokospalmen die Flügel holländischer Windmühlen würdig ersetzen. Wasserbüffel in den Reisfeldern, schmucke Kirchlein, die sich wie Gänse in den Grachten spiegeln, bunte Hindutempel am Straßenrand, die Minarette der Moscheen und die Strohhütten der Farbigen – Surinam gleicht einem Disneyland der Kontinente und Kulturen; die Musik, die aus dem Buslautsprecher plärrt, bestätigt es. Plattdeutsche Minnesänger werden von Limbo und Reggae und die wiederum von den Geigen indischer Filmmusik abgelöst. Danach ist wieder Heintje dran. Draußen steht weißbuntes Fleckvieh vor den Bananenhainen.

Groningen, Bethlehem, Calcutta, La Prevoyance, Hamburg, Bremen und Waterloo, stolze Namen für verlorene Weiler. Die Hütten stehen auf Stelzen, und unter ihnen tummeln sich Kinder, Hühner und Schweine. Manche Bretterbuden protzen mit den Fassaden Amsterdamer Stadtpaläste oder friesischer Herrenhäuser. Ihre morschen Freitreppen führen geradewegs in den Sumpf. Auf den Wellblechzinnen hängt die Wäsche. Die Wolken tragen schwarze Bäuche. Kurz darauf öffnen sich die Himmelsschleusen. Aus der dampfenden Waschküche tauchen die ersten Hütten von Nieuw Nickerie auf.

Im „Paradijs“ ist es wenigstens trocken. „Hier – Selbstmordbataillon, Amsterdam, Duitsland, Düssdeldorp, dann Libanon“, der dunkle Dicke zeigt mir seine zerfledderten Ausweispapiere: „Piet Brunswijk, de Surinamse Militairpolitie“, dazu das Bild einer blonden Dame. Dieses „Paradijs“ hat einen etwas zweifelhaften Charakter. Aber eine andere Bruchbude war nicht frei. Und Piet hat soeben versprochen, mir gegen zehn Dollar sein Zimmer zu überlassen. Aus alter Freundschaft zum Selbstmordbataillon. Die chinesische Chefin schläft hinter dem Tresen – oder tut sie nur so? Aus dem Regen draußen tauchen dunkle Gestalten auf und verschwinden, so schnell wie sie gekommen sind, hinter den Bretterwänden.

Die Fähre geht morgen nicht. Morgen nicht und auch Sonntag nicht, aber am Montag vielleicht. In Guyana drüben ist Feiertag, „Yuman-Nabi“, der Geburtstag des Propheten. „Islami holiday, no chance“, Piet legt seine rechte Pranke tröstend auf die meine. Wenigstens hört der Regen auf. Und mit einem Boot? Gegen Dollar? Piet hebt seine Augenlider. Aber ich brauche die Stempel im Paß. Claro, natuurlijk. Sein Freund ist ja von der Militairpolitie, der organisiert das schon.