Von Beate Schimmelpfennig

Damals war ich noch jung.“ Bitter kommentiert die 32jährige Soja Lomakina ihr zwölf Jahre altes Hochzeitsphoto. Auf ihren Knien liegt eine Mappe mit alten Photographien und Unterlagen. Zögernd geht sie die vergilbten Aufnahmen durch: „Hier hat Alexander gerade das ‚rote Diplom‘ bekommen.“ Damals war sie stolz auf diese Auszeichnung gewesen, die ihr Ehemann am Ende seiner Ausbildung in der russischen Stadt Saratow als frischgebackener Offizier erhalten hatte. Nach der Geburt der kleinen Julia war das Familienglück perfekt.

Die nächste Aufnahme, die Soja aus dem Packen hervorzieht, zeigt einen Toten. Er liegt auf einem Panzer inmitten eines Blumenmeeres. Und dann ein Grabstein auf dem Wolgograder Friedhof Roter Oktober mit einem eingemeißelten Portrait: Alexander Lomakin, gestorben bei der Erfüllung seiner internationalistischen Pflicht in Afghanistan am 3. Oktober 1987.

Bereits eineinhalb Jahre zuvor hatte Michail Gorbatschow als Parteichef öffentlich zugegeben, daß Afghanistan eine „einzige blutende Wunde“ sei. Trotzdem ging der Krieg weiter; vom Einmarsch in den Nachbarstaat am 27. Dezember 1979 an kämpfte die rund 100 000 Mann starke Truppe mehr oder weniger erfolglos gegen die Mudschaheddin, die „heiligen Krieger des Islams“, die sich als unerwartet stark erwiesen.

Im Juli 1987 wurde der 28jährige Alexander Lomakin nach Afghanistan eingezogen. „In der letzten Nacht, bevor Alexander losgefahren ist, haben wir nicht geschlafen, nur geredet“, erzählt Soja, „aber bis zum Abschied haben wir uns nicht eingestehen wollen, daß diese Trennung für immer sein könnte.“ Nach drei Monaten bekam sie anstelle des täglichen Briefes mit der vertrauten Handschrift einen ausgefüllten amtlichen Vordruck: die Todesnachricht des Kapitäns Lomakin. Aber erst vier Tage später, als auf dem Flughafen des russischen Wolgograd ein Zinksarg eintraf, als Soja hinter dem durchsichtigen Fensterchen das erstarrte Gesicht ihres Mannes sah, begriff sie, was geschehen war. Ein halbes Jahr nach der Beerdigung – im Mai 1988 – verfolgte die Witwe den beginnenden Abzug der sowjetischen Truppen im Fernsehen.

147 der 3868 aus dem Wolgograder Verwaltungsbezirk eingezogenen Soldaten sind in den mehr als neun Jahren des Krieges gefallen. Insgesamt hätten 13 988 Menschen aus den fünfzehn ehemaligen Sowjetrepubliken ihr Leben verloren, meldete die Prawda im August 1989.

Um die hinterbliebenen Familien und um die als Invaliden Zurückgekehrten ist es in Rußland still geworden. „1983 kam ein Gesetz heraus, das den Afghanistankämpfern und ihren Familien bestimmte Privilegien zubilligte. Aber die werden materiell nicht umgesetzt, den versprochenen Wohnraum gibt es nicht“, sagt Andrej Gelvitsch von der Wolgograder Vereinigung der Kriegs-lnternationalisten. Die seit drei Jahren selbständige Organisation setzt sich für alle Probleme von Afghanistan-Betroffenen im Wolgograder Gebiet ein.