Edgar Salin wurde vor hundert Jahren in Frankfurt, in der Stadt Goethes, geboren. Zu einer Zeit also, da der Dichter im Bewußtsein der Bürger noch durchaus präsent gewesen ist. So war es denn gar nicht ganz abwegig, daß der begabte Knabe versuchte, nach Goethes Vorbild zu dichten.

In einem Aufsatz der Schweizerischen Bibliophilen Gesellschaft, der die Entstehung seiner einzigartigen Bibliothek schildert, schrieb Salin: "Als ich im Gymnasium daranging, für meine Klasse Dramen zu schreiben, die bei Klassenaufführungen gespielt wurden, merkte ich, daß Goethe dem erwünschten Abenteuerlichen nicht gerade Stoff und Muster bot, und begann daraufhin mit der Lektüre von Shakespeare in der Übertragung von Schlegel und Tieck. So habe ich alle Königsdramen gelesen und manches für das Leben gelernt. Ich habe dann der Reihe nach deutsche, englische und später französische Dichtung in ihrem vollen Umfang mir anzueignen gesucht."

Später erwachte bei Salin das Interesse für Latein und Griechisch; Philosophie, Dichtung und Staatskunst der Antike haben ihn sein Leben lang gefesselt. Schon als Dreißigjähriger schrieb er eine Arbeit – Schumpeter bezeichnete sie als "Kunstwerk" – über Plato und die griechische Utopie, der dann vier Bände Neuübertragungen aus dem Griechischen folgten.

Die erste Begegnung mit Gedichten Stefan Georges und später mit dem Meister selbst hat seine Anschauungen geprägt. Die ästhetisch hervorragend gemachten Ausgaben der Werke Georges beim Bondi Verlag sind wohl auch die Anregung für sein bibliophiles Interesse gewesen, der Anlaß zu einer über Jahrzehnte ausgeübten Jagd nach Erstausgaben der großen deutschen, französischen und englischen Dichter und Schriftsteller. Manchmal kaufte er eine Ausgabe, in der ein Band fehlte, und forschte dann in den Antiquariaten anderer Städte so lange, bis er das Werk komplett beieinanderhatte. Sein Interesse galt dabei der klassischen Philologie, der katholischen Theologie und seinem eigentlichen Fach, der Ökonomie. Diese Vielseitigkeit hat sein Leben, hat ihn als Persönlichkeit, als Wissenschaftler und als Lehrer entscheidend geprägt.

Er war in der Philosophie der Antike ebenso zu Hause wie in der scholastischen Theologie des Mittelalters oder der politischen Ökonomie des 19. und 20. Jahrhunderts. Gewiß, es gibt auch heute Wissenschaftler hoher Kompetenz, aber Gelehrte seines universalen Formats wachsen wohl nicht mehr heran. Neben dem Werk über Plato sind die "Civitas Dei" des Augustin, eine Abhandlung über Jacob Burckhardt und Nietzsche, Erinnerungen an Stefan George Marksteine seines Schaffens.

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Vor einiger Zeit saß ich bei einem Essen der Universität Hamburg zwischen zwei jungen Professoren. Ich fragte meinen Nachbarn zur Linken: "Gibt es eigentlich bei uns einen Professor, um dessentwillen ein Student von Freiburg nach Hamburg kommen würde?" Großes Erstaunen: "Wie meinen Sie das – in welchem Fachgebiet?" Ich sah, er verstand die Frage nicht. Ich stellte daraufhin meinem anderen Tischherrn die gleiche Frage – die Reaktion war dieselbe. Diesmal versuchte ich zu erklären: "Jemand wie beispielsweise seinerzeit der Kunstgeschichtler Wilhelm Pinder oder der Ökonom Edgar Salin, oder noch früher der Soziologe Max Weber." Auch diese Erklärung erhellte unser Gespräch nicht – die Frage erschien offenbar beiden absurd. Nein, einen umfassend gebildeten Gelehrten Salinscher Prägung gibt es nicht mehr – kann es vielleicht auch nicht mehr geben.