Hochbegabte haben es schwer – doch Außenseiter müssen sie nicht sein

Von Anna von Münchhausen

Fred Tate ist kein glückliches Kind. Irgend etwas stimmt nicht mit ihm. Blaß, mehlgesichtig, etwas steif steht er abseits und wünscht sich jemanden, mit dem er sein Pausenbrot essen kann. Seine Lehrerin verwirrt er, indem er auf einfache Fragen komplizierte Antworten gibt. „Welche der Zahlen von Eins bis Neun lassen sich durch zwei teilen?“ – „Jede“, sagt Fred.

Einen Vater hat er nicht. Mit Dede, seiner Mutter, lebt er in einer düsteren Wohnung in New York. Brav füllt er seine Rolle als Mamas Bester. Sie sagt, er sei tausendmal schlauer als all die anderen kleinen Grützköpfe. Was nicht ganz falsch ist. Fred schreibt zum Muttertag eine Oper für sie; kümmert sich, um ihre Bewerbung, als sie ihren Job als Kellnerin aufgeben will; behält den Überblick bei Rechnungen. Vor seinem siebten Geburtstag verteilt er Einladungen zur Party. Alle sollen kommen. Aber die Kids auf dem Schulhof werfen die doofen Zettel in den Dreck. Zu dem geht doch keiner. Fred ist einfach viel zu klug und viel zu seltsam; und so bleiben Fred und Dede allein, und der Film beginnt.

Jodie Fosters erste Regie-Arbeit „Das Wunderkind Tate“, seit dem 6. Februar auch in der Bundesrepublik zu sehen, hat in den USA die Diskussion um hochbegabte Kinder und ihre Förderung angefacht. Sind hochbegabte Kinder anders? Brauchen sie besondere Schulen, speziell ausgebildete Lehrer, didaktisch völlig überarbeitete Lehrbücher? Und schließlich: Brauchen hochbegabte Kinder nicht auch hochbegabte Eltern, die verhindern, daß ihre kopflastigen Kleinen zu lebenslangen Außenseitern mutieren?

Daß das Schicksal eines hochbegabten Kindes jetzt einen süffigen Filmstoff abgibt, kommt nicht von ungefähr. Das Thema Hochbegabung ist seit einigen Jahren wieder gesellschaftsfähig geworden. Darin läßt sich eine Reaktion auf die große pädagogische Ernüchterung erkennen: Seitdem sich das Postulat der Chancengleichheit und der kompensatorischen Erziehung im tristen Schulalltag verschlissen hat, verspricht die Beschäftigung mit jenen Kindern eine glänzende Abwechslung, die es wirklich wissen wollen und schon in jungen Jahren Erwachsene alt aussehen lassen.

Lauter echte Freds geistern durch die Presse und rufen bei Millionen von Normalos entweder neidfreies Staunen oder Komplexe hervor: Seth Kinast, der schon als Dreijähriger drei Sprachen beherrschte und das Alphabet vor- und rückwärts aufsagte. Elmar Eder, der mit dreizehn vor Universitäts-Professoren seinen ersten Vortrag hielt und mit neunzehn seine Doktorarbeit über ein Thema aus der mathematischen Logik verfaßte. Henriette Gärtner, die als Fünfjährige ihr erstes Klavierkonzert gab und sieben Jahre später einen internationalen Klavierwettbewerb gewann.