Von Thomas Kleine – Brockhoff

Bis zu jenem 1. Februar, als die Lawine zu Tale fuhr, das Dorf niederwalzte und alles mit weißem Beton zuschüttete, wohnten 370 Menschen in Görmec, im Südosten der Türkei. Jetzt steht nicht mal mehr die große Kaserne neben dem kurdischen Dorf.

Bei Temperaturen von minus 25 Grad arbeiteten sich Hunderte von Bauern aus den umliegenden Dörfern durch den Schnee vor, um zu helfen. Sie hatten nichts als Spitzhacken und Schaufeln. Und sie kamen zu spät. Aus vier Meter hohem Preßschnee gruben sie 69 Leichen aus und wickelten sie notdürftig in Decken ein. Nach weiteren siebzehn Dorfbewohnern suchten sie vergeblich. Auch die Militärs fragen sich nun, ob es klug war, ihre Kasernen an die Berghänge zu bauen, um vor Angriffen der kurdischen Guerilla sicher zu sein.

"Die Lawine dürstet nach Toten", schrieb die türkische Tageszeitung Hürriyet. Görmec, Tünekpinar, Seslice – Dorfnamen wurden zu Synonyma für den weißen Tod. Die ersten zweihundert Opfer im anatolischen. Schnee waren den Zeitungen und Fernsehstationen in ganz Europa noch Schlagzeilen wert. Mittlerweile interessiert nur mehr der Schnee an den olympischen Alpenhängen über Albertville. Doch täglich gehen in den anatolischen Provinzen Batman, Hakkäri, Sirmak und Siirt weitere tödliche Lawinen nieder. Allein am vergangenen Freitag zählte man in vier Ostprovinzen der Türkei noch einmal 56 Tote. So sind es jetzt mindestens dreihundert Menschen, für die Lawinen zum Grab geworden sind. In den vergangenen zehn Tagen sind im Südosten der Türkei mehr Menschen unter den Schneemassen umgekommen als in den vergangenen 37 Jahren.

Der strenge Winter hat die kurdischen Provinzen in ein Katastrophengebiet verwandelt. Die Zufahrtswege zu mehreren tausend Dörfern sind unbefahrbar. Räumfahrzeuge bleiben im Schnee stecken. Telephon- und Strommasten sind zerstört. Selbst größere Städte werden von Lawinen bedroht. In der Provinzhauptstadt Hakkäri nahe der iranischen und irakischen Grenze mußten drei Stadtbezirke evakuiert werden.

"Göttliche Fügung" nannte der türkische Innenminister Ismet Sezgin beim Staatsbegräbnis für 71 verschüttete Soldaten den Lawinentod. Der türkischen Öffentlichkeit genügten die tränenerfüllten Politikererklärungen nicht. Denn zumindest bei den Rettungseinsätzen zeigte sich weniger Fügung als Versagen. Speziell für Lawinenunglücke ausgebildete Rettungstrupps gibt es in der Türkei nicht. Unerfahrene Militäreinheiten halfen aus. Spitzhacken, Schaufeln, Äxte und Hämmer waren ihre einzige Ausrüstung. Spürhunde gab es kaum.

"Lawinenabgänge dürfen nicht länger als Schicksalsschläge begriffen werden", sagte Mikdat Kadioglu, Dozent an der Technischen Universität Istanbul. Der Wissenschaftler fordert den Bau von meteorologischen Stationen und die Errichtung eines Frühwarnsystems. Bis heute fehlen lokale Lawinen- und Rettungsdienste, Lawinengalerien an den Straßen, Ablenkdämme und Lawinenverbauungen unter den Gipfeln von Gabar- und Cudi-Gebirge. Einzig der Baumbestand in den tiefer gelegenen Regionen bot Schutz. Den Schutzwald aber hat das türkische Militär in den beiden vergangenen Jahren systematisch abgeholzt oder angezündet. Die Wälder dienten der kurdischen Guerilla als Unterschlupf, erklärte die Armee.