Von Gunhild Freese

Es war ein glanzvoller Höhepunkt seiner Karriere: Im Herbst 1987 plazierte ein internationales Bankenkonsortium Aktien des Handelsunternehmens co op AG erstmals an der Frankfurter Börse. Bernd Otto, seit 1979 an der Spitze des Frankfurter Konzerns, hatte sein Ziel erreicht. Nun schienen der ehrgeizige Manager und seine co op, "einer der großen Fachmarktkonzerne des deutschen Einzelhandels" (Otto), endlich da zu stehen, wo er sich und sein Unternehmen stets sehen wollte: gesellschaftlich anerkannt, in einer Reihe mit den großen Aktiengesellschaften und weit weg von dem ärmlichen Image, das die co op ihrer Entstehung aus den Konsumgenossenschaften wegen so lange ertragen mußte.

Ein gutes Jahr später freilich war alles wie ein Kartenhaus zusammengefallen: die co op am Rande des Ruins, die Topmanager hinter Gittern.

Am Montag, dem 24. Februar, beginnt vor der Zweiten Strafkammer des Frankfurter Landgerichts der Prozeß. Die Angeklagten: der ehemalige Vorstandschef Bernd Otto, die Exvorstände Dieter Hoffmann und Michael Werner sowie die einstigen Direktoren Klaus-Peter Schröder-Reinke, zuständig für die Abteilung Bilanzen und Steuern, und Norbert Lösch, der der Finanzabteilung vorstand, sowie der ehemalige Leiter des Vorstandssekretariats, Hans Gitter. Und schließlich der langjährige Aufsichtsratschef Alfons Lappas, der als Vorstandsvorsitzender der Beteiligungsgesellschaft Gemeinwirtschaft (BGAG) der Verbindungsmann zu den Gewerkschaften war.

Die Taten, die ihnen in der 329 Seiten dicken Anklageschrift zur Last gelegt werden: Untreue, Kapitalanlage- und Prospektbetrug, Kreditbetrug und persönliche Bereicherung. So wirft die Frankfurter Staatsanwaltschaft den Angeklagten Lappas, Otto und Hoffmann unter Beihilfe von Lösch und Schröder-Reinke für die Jahre 1984 und 1985 den – aktienrechtlich verbotenen – Kauf eigener Aktien vor. Und da die Papiere auch noch zu teuer bezahlt wurden, wird ihnen der "Erwerb unsicherer Vermögenswerte" zu Lasten des Unternehmens angekreidet. Für die Jahre 1985 bis 1987 sollen die co op-Manager Lappas, Otto, Hoffmann und Werner laut Anklage die Bilanzen gefälscht und ungerechtfertigt Dividenden ausgeschüttet haben. Die prachtvoll zelebrierte Börseneinführung 1987 war, so vermutet die Staatsanwaltschaft, einfach nur kriminell, nämlich Kapitalanlage- und Prospektbetrug. Im Börseneinführungsprospekt hatten die Herren Otto und Hoffmann unter Beihilfe von Lösch und Schröder-Reinke die wahre Lage des Unternehmens, das wohl nie in seiner Geschichte Gewinne erwirtschaftet hat, verschwiegen. Und schließlich müssen sich Lappas, Otto, Hoffmann und Werner, wieder unter Beihilfe von Lösch und Schröder-Reinke, noch für das Delikt des Kreditbetrugs zu Lasten von 118 in- und ausländischen Banken in Höhe von zwei Milliarden Mark verantworten.

Haben sich die Angeklagten die Finanzmittel in den Augen der Staatsanwaltschaft möglicherweise schon auf illegale Weise verschafft, so soll ihnen auch bei der Verwendung kriminelles Tun nachgewiesen werden. In der Anklageschrift wird ihnen persönliche Bereicherung vorgeworfen. In verschiedenen Transaktionen sollen sie 25,6 Millionen Mark beiseite geschafft haben. Doch das galt nur bis zum Zeitpunkt der Anklageerhebung im April vergangenen Jahres. Inzwischen, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Hubert Harth, belaufe sich die "entnommene" Summe auf rund hundert Millionen Mark. Nicht berücksichtigt ist dabei die stattliche Abfindung von sechzehn Millionen für Michael Werner, der nach Meinungsverschiedenheiten schon im Mai 1988 das Unternehmen verließ.

Eineinhalb Jahre lang hat die Frankfurter Staatsanwaltschaft mit Hilfe des Bundeskriminalamtes in Firmen und bei Privatpersonen Material und Urkunden sichergestellt, Zeugen, Mitarbeiter und die Angeklagten vernommen. Allein die Hauptakten umfassen mittlerweile 62 Leitzordner, hinzu kommen Hunderte von Beweismittelordnern. Etwa 400 Zeugen sollen vernommen werden. Der 57jährige Gernot Bokelmann, Vorsitzender Richter der Zweiten Strafkammer, hat sich denn auch auf einen Mammutprozeß eingerichtet: Drei bis vier Jahre rechnet er bei zwei wöchentlichen Verhandlungstagen mit den üblichen Unterbrechungen. Keiner der bisherigen Wirtschaftsstrafprozesse in der Bundesrepublik hat diese Dimensionen erreicht.