Vergeßlichkeit ist schrecklich genug, die totale Erinnerung aber ist die absolute Hölle. Wer alles weiß und nichts vergißt, kennt kein Wenn und Aber – und schon gar kein Vielleicht. Überall sieht er nur die Schwerkraft an der Arbeit, die alles auf den Boden der Tatsachen hinabzieht. Fred Tate ist nur ein Kind, aber sein enormes Wissen ist ihm bereits auf den Magen geschlagen. Er hat ein Magengeschwür, weil er überall nur noch schwarzsehen kann. Das sind die dunklen Abgründe, über denen dieses Märchen schwebt.

Mit eins konnte Fred (Adam Hann-Byrd) lesen, mit vier schrieb er Gedichte, jetzt kann er praktisch alles: Klavier spielen, malen und mit Zahlen jonglieren. Aber er hat niemanden, der mit ihm sein Pausenbrot teilt. Und bei aller Liebe kann ihm da auch seine Mutter (Jodie Foster) nicht helfen. Abends versuchen sie, gemeinsam die Schatten an der Zimmerdecke im Spiel zu bannen, aber nachts ist Fred seinem Genie hilflos ausgeliefert: In seinen Träumen erwacht er in Gemälden von van Gogh. Die einzige, die ihn dabei wirklich versteht, ist die Leiterin (Dianne Wiest) einer Eliteschule, früher selbst ein Wunderkind. Sie schenkt ihm einen Van-Gogh-Kalender. So macht sie seine Träume sichtbar, aber seine Sehnsüchte sieht sie nicht. Die sieht nur seine Mutter, die dem Interesse der Schulleiterin ziemlich widerwillig begegnet. Das sind die Konflikte, zwischen denen diese Geschichte aufgespannt ist.

„Das Wunderkind Tate“ ist die erste Regiearbeit der Schauspielerin Jodie Foster, und es ist schon erstaunlich, mit welcher Sicherheit sie an den Klippen der Geschichte von Scott Frank entlangwandelt. Sie geht immer den direkten Weg und erspart ihren Figuren nichts. Am wenigsten die Leere und Hilflosigkeit, der sie zunehmend ausgeliefert sind, weil Fred immer trauriger wird. Der kleine Mann läßt sich einfach nichts vormachen, nur die Normalität könnte ihn beeindrucken. Aber die findet der Junge erst, als er seine beiden Mütter versöhnt.

Wunderkinder haben es schwer. Wunderkinder sind einsam. Wundersam ist, wie der Film es schafft, immer das Naheliegende zu zeigen und doch für jede Überraschung gut zu sein. Die Bilder der Kamera von Mike Southon sind so verblüffend einfach, daß sie fast plakativ wirken. Dem Klischee entgehen sie nur dadurch, daß die Regisseurin vermeidet, ihnen über die Geschichte hinaus Bedeutung aufzuladen. Durch die beharrliche Art, mit der alles ins Bild gesetzt wird, wird eine Komödie daraus. Inmitten der Vieldeutigkeiten nimmt Jodie Foster einfach den kürzesten Weg, das ist der Witz.

Die Bilder geben wie von allein das Unsichtbare frei. Einmal blickt Fred hinauf ins Blätterdach der Bäume, und man sieht in die Hölle. Denn er sieht dort oben nicht das Spiel der Sonnenstrahlen, sondern ein verwirrendes Muster, dessen Sinn sich ihm nur erschließt, wenn er die Blätter zählt. Das ist der Wahnsinn, der dieser Geschichte von den Rändern her droht, ohne daß er durch große Gesten ins Bild gesetzt werden müßte. Im Zweifelsfall kann sich Jodie Foster ohnehin auf ihre Darsteller verlassen. Auf Dianne Wiest etwa, die mit jeder Bewegung zeigt, welche Anstrengung für sie erforderlich war, die alltäglichsten Gesten zu erlernen. Als Fred ihre verschütteten Mutterinstinkte weckt, versucht sie, die Hausfrau zu spielen, und kocht für ihn. Verzückt steht sie dann vor einem unförmigen, verbrannten Etwas. Bis ihr Assistent ihre Begeisterung dämpft und sagt: „Es ist nur ein Hackbraten, Jane.“ So wird das Normale zum Wunder. Michael Althen