Die symbolischsten Dinge sind immer die schwierigsten. Wie man einen Stock mit einem Stück Stoff von hier nach dort schafft, wäre weiter keine Frage; aber wer die Fahne vorantragen darf – da gehen die Leidenschaften hoch.

Was eine Akademie der Künste eigentlich ist, ist schwer zu sagen. Wohl erfüllt sie diverse praktische Zwecke: arrangiert Veranstaltungen, verwaltet Sammlungen, von Nachlässsen beispielsweise. Aber die Akademie selbst ist keineswegs die Summe ihrer praktischen Aufgaben; sie ist nichts Greifbares, Konkretes, sondern eben etwas Symbolisches: eine Kongregation von Künstlern zu keinem bestimmten profanen Zweck, ernstlich nicht einmal zu dem aus ihrer Frühgeschichte ererbten Zweck, den Staat in Kunstdingen zu beraten. Näher an der Wahrheit ist, wer die Mitgliedschaft in einer solchen Institution als eine Auszeichnung ansieht, einen Ehrentitel. Nicht jeder, o nein, beileibe nicht jeder, der Bilder malt oder Bücher schreibt, ist Akademiemitglied; er kann auch nicht einfach seine Aufnahme beantragen wie bei der IG Medien – er wird vielmehr feierlich gewählt. Und genau diese symbolische Qualität der Akademien in Ost- und in Westberlin macht es ihnen jetzt so schwer.

Eine praktische Bedeutung hat es für die 67 verbliebenen Mitglieder der Künsteakademie-Ost nicht, ob sie sich weiterhin Akademiemitglied nennen dürfen – aber eine symbolische sehr wohl. Darum bestanden sie darauf, daß die West-Akademie sie nach dem unausweichlichen Erlöschen ihrer eigenen, wenn überhaupt, dann en bloc aufnehmen müsse. Eine individuelle Aufnahme hätte bedeutet, daß sich jedes Mitglied aus dem Osten hätte prüfen lassen müssen, ob es gut genug ist – und das hätten die meisten als Zumutung, als Demütigung empfunden. Aber abgesehen von solchen individuellen Skrupeln: Nur die kollektive Aufnahme kann wenigstens den Anschein erzeugen, als existiere ein Teil der alten DDR-Akademie doch irgendwie weiter.

Als sich die West-Akademie mehrheitlich schließlich für die En-bloc-Aufnahme der Kollegen aus dem Osten aussprach, hat sie damit also kundgetan, daß sie bereit ist, die Auszeichnung dieser hochambivalenten Institution als solche zu übertragen, strenggenommen nur ihren heutigen reformierten Überresten, aber, da Symbole von Natur aus unscharf sind und sich nie strengnehmen lassen, mittelbar damit auch der ganzen Ost-Akademie. Vier Mitglieder der Akademie-West sind inzwischen unter Protest ausgetreten, noch vor der Abstimmung Günter Kunert, dann Reiner Kunze, zuletzt György Ligeti und Baselitz. Zu einer Protestnote fanden sich auch außenstehende Künstler und Intellektuelle zusammen, vor allem aus der demokratischen Opposition der ehemaligen DDR, die dort nie mit einer Mitgliedschaft in deren Akademie beehrt worden wären – und jetzt tatsächlich wenig Chancen hätten, in eine halbneue Westplus-Ost-Akademie aufgenommen zu werden. Wie die Ausgetretenen ihre Gründe formulierten, klang es zum Teil etwas unklar oder gar haltlos; Ligetis Behauptung etwa, er und andere seien zur Vollversammlung nicht eingeladen worden, war ein bloßer Irrtum seinerseits, und auch um einen „Putsch“ handelte es sich nicht, sondern um eine ausgiebig diskutierte Willensbekundung des höchsten Organs dieser Akademie. Überhaupt nicht unklar aber ist, aus welchem Grundgefühl ihre Abneigung kommt: Mit denen nicht! Keine Auszeichnung für eine Institution der offiziellen DDR!

Der größte Widerstand gegen die Blockwahl kam aus der Abteilung Bildende Kunst, die sich als das eigentliche Kernstück der Akademie empfindet. Er hatte, und das kompliziert die Dinge nun noch mehr, jedoch überhaupt keine vordergründig politischen Motive. Wir hätten, sagte ihr Direktor, der Bildhauer Rolf Szymanski, ohne Bedenken auch ZK-Mitglieder aufgenommen, wenn sie nur gut genug malten. Und „gut“, das muß man sich in diesem Fall so übersetzen: wenn sie stilistisch zu der abstrakten Avantgarde von gestern gehörten, deren Hochburg die Abteilung Bildende Kunst der West-Akademie ist. Über die politische Frage schiebt sich hier also eine von handfesten Marktinteressen durchsetzte ästhetische Grundsatzfrage. Sie vollends garantiert endlose, da mit den Mitteln der Logik nicht entscheidbare Konflikte.

Wo es politisch wie ästhetisch um die letzten Dinge geht, ist es gut, daß es wenigstens Regularien gibt, an die man sich halten kann.

Von den gut 256 Mitgliedern der West-Akademie sind 88 zur Vollversammlung nach Berlin gekommen (eine für ihre Verhältnisse große Zahl), und von diesen haben 59 für die Kollektivaufnahme der Kollegen aus dem Osten gestimmt. Damit ist deren Aufnahme aber keineswegs schon vollzogen. Die Satzung nämlich kennt nur ein Aufnahmeverfahren: individuelle Zuwahl in den einzelnen Sektionen, Bestätigung der Zugewählten durch die Vollversammlung. Das jetzige Votum bedeutet also nur: Es ist der Wunsch dieser Vollversammlung, daß der Berliner Senat das Akademiestatut in zwei Punkten ändern möge: Erstens möge er der Akademie in diesem einen Ausnahmefall eine En-bloc-Zuwahl erlauben; und zweitens möge er die Höchstzahl der Mitglieder in den einzelnen Abteilungen von 50 auf 65 erhöhen. Erst wenn die politischen Gremien Berlins beide Änderungen vorgenommen haben, können die Kollegen aus dem Osten aufgenommen werden – frühestens bei der nächsten Mitgliederversammlung im September.