Von Rolf Michaelis

Die sieben Menschen in eleganten Anzügen benehmen sich seltsam. Weit verteilt auf der großen Tanzfläche, bewegen sie sich in schönster Harmonie, kreiseln um sich selber, kreisen umeinander, jagen auf der Kreis-Linie entlang, die schwarz auf das Quadrat des rotbraunen Bodens gezeichnet ist – und segeln plötzlich durch die Luft.

Mit akrobatischer Anmut lassen sie sich fallen, rollen den Körper über die Schulter ab und drehen sich in ihren adretten Zweireihern so lang auf dem Boden, bis der Schwung des Sturzflugs verebbt. Nie berühren sich die schönen Gestalten, die auf dem Weg zu einer Party zu sein scheinen, aber mit geballten Fäusten, gestreckten Armen, jäh ausschlagenden Beinen auch wie in einem Kampf aller gegen alle leben. Schon tänzeln sie wieder, schwerelos, hüpfen in die Höhe, ein Bein an den Körper gepreßt, nehmen mit weit ausgreifenden Schritten, einem rudernden Arm, Anlauf – und fliegen durch den Raum.

Wo sind wir? In der Turnhalle einer Polizei-Kaserne, wo junge Frauen und Männer in Selbst-Verteidigung geschult werden? In einem Bodybuilding-Studio, wo körperbewußte Yuppies sich in Jiu-Jitsu und anderen asiatischen Kampf-Künsten unterweisen lassen? Oder in einer Schule für breakdance, wo man lernt, ohne Knochenbrüche oder auch nur blaue Flecken auf dem Rücken, auf den Schultern, den Hüften zu tanzen?

Wir sind in den Halles de Schaerbeek, einer ehemaligen Markthalle, im Türken- und Araber-Viertel der belgischen Hauptstadt. Dort stellt die 1960 in Mechelen geborene Anne Teresa De Keersmaeker ihr erstes Programm als Haus-Choreographin der Brüsseler Oper vor. Die mit ihrer Gruppe „Rosas“ bisher frei arbeitende Tänzerin und Choreographin, eine der großen Künstlerinnen des modernen Tanztheaters – das sie lieber „Tanzkonzert“ nennt –, macht es sich und ihren Zuschauern bei ihrem Einstand nicht leicht. „Erts“ nennt sie ihren neuen Tanzabend, nach der niederländischen Schreibung des Wortes für metallhaltiges Mineral, Erz.

Auf kaum erhöhtem Podest im Hintergrund der streng gegliederten Szenerie (Bühne: Herman Sorgeloos) sitzt das Arditti-Streichquartett (Irvine Arditti, David Alberman, Garth Knox, Rohan de Saram) und spielt Beethovens „Große Fuge“ (B-dur, op. 133; 1825), Anton Weberns „Fünf Sätze für Streichquartett“ (1907) und das 1980 komponierte, viersätzige „Streichquartett Nr. 2“ von Alfred Schnittke.

Auswahl der Streicher-Stücke und Entscheidung für ein auf der Bühne, gleichberechtigt neben den Tänzern, live spielendes Quartett verraten, welchen Rang die (auch als Travers-Flötistin ausgebildete) Choreographin in ihren Balletten der Musik einräumt. Überrascht es, daß die belgische Künstlerin als Kernstück eines der schwierigsten musikalischen Werke überhaupt wählt, Beethovens „Große Fuge“, über die der Komponist Hugo Wolf noch vor hundert Jahren gestöhnt hat: „Ein mir unverständliches Tonstück“?