Nein, es gab keinen Urknall, als die moderne Welt entstanden sein soll. Es ging so leise zu, daß niemand so recht aufblickte und alles scheinbar so weiterlief wie bisher. Johannes Gutenberg hatte bereits einige Jahre mit dem Problem der Vervielfältigung von Texten experimentiert, bis ihm schließlich um 1450 in Mainz der Durchbruch gelang, nämlich einzelne Lettern aus Blei zu gießen. Wenn man diese Buchstaben in eine Reihe stellte, ergaben sich Zeilen, und eine Folge von Zeilen ergab eine Seite. Diese "gesetzte" Seite konnte man einfärben, und mit dem Papier in Kontakt gebracht, erhielt man so viele gedruckte Blätter, wie man wollte. Den eigentlichen Druck übernahm die Druckerpresse, auch sie geht im wesentlichen auf Gutenbergs Ingenium zurück. Danach konnte man den "Satz" wieder auseinandernehmen und die einzelnen Lettern in den sogenannten Setzkasten zurücklegen und wiederverwenden. So ließen sich mit einer Vorlage Tausende Exemplare einigermaßen schnell und kostengünstig herstellen. Sofort schnellte die Buchproduktion in die Höhe, und Europa wurde von Druckwerken aller Art überschwemmt. Gutenberg war im Grunde nur die vollständige Mechanisierung der manuellen Schreibtätigkeit gelungen. Aber für den Bielefelder Kommunikationswissenschaftler Michael Giesecke bedeutet die Erfindung des Buchdrucks mehr als die Möglichkeit, Schriften zu vervielfältigen, für ihn bezeichnet sie die Geburtsstunde der Neuzeit selbst.

Was ist denn eigentlich daran so revolutionär, daß seit dem 15. Jahrhundert einige Leute mehr Bücher und Texte lesen können als zuvor? Zumal auf lange Sicht es nur wenige bleiben, die lesen, und das heißt: lesen können. Für Giesecke bedeutet dies, daß sich die Gesellschaft auf Schrift und Schriftlichkeit einrichtet und daß sie auf eine gänzlich neue Weise kommunikativ vernetzt wird. Nun könnte man einwenden, die Schrift habe es doch schon seit vielen Jahrhunderten gegeben. Aber Giesecke betont, daß die Schrift lange Zeit, nämlich bis zur Einführung des Buchdrucks, an die Mündlichkeit gebunden blieb. Er verweist auf das Theater, die Predigt, den Vortrag und die Gerichtsrede, alles Situationen, wo der Text durch mündliche Handlungen erscheint. Erst der Buchdruck verschaffe der Schrift eine charakteristische Unabhängigkeit vom mündlichen Ausdruck.

Leider kann ich Giesecke in dieser – für ihn entscheidenden – Argumentation in keiner Weise folgen. Warum wird der Buchdruck zum "Kontrapunkt" – wie er betont – der Schrift? Warum stellt nicht bereits die Schrift die entscheidende "Technisierung der Kommunikation" dar, die der Buchdruck dann nur – äußerst erfolg- und folgenreich – verbesserte? Mir scheint, Giesecke verwechselt durchweg die Erfindung des Buchdrucks mit der Erfindung des Buches. Das Buch in der uns bekannten Form gibt es aber schon fast seit Beginn unserer Zeitrechnung. Und Buchforscher machen darauf aufmerksam, daß die Drucker fast alle Gestaltmerkmale des gehefteten, aber handgeschriebenen Buches übernehmen.

Worin besteht eigentlich die große Neuerung des Buchdrucks? Giesecke betont zwei Punkte: Der Buchdruck schafft, erstens, eine enorme Vervielfältigung von Texten, und, zweitens, kann sich eben deshalb eine Gesellschaft darauf einrichten, durch Texte die Welt kennenzulernen. Das aber heißt wiederum, daß der Buchcode, der die Welt repräsentieren soll, einheitlich und allen zugänglich ist. So liegt es auf der Hand, daß ein Buch nur dann von einem Lesekundigen gelesen werden kann, wenn er dieselbe Sprache wie der Autor spricht oder vielmehr: liest. Kurz, der Druck verlangte eine enorme Normierungsleistung, damit die Welt symbolisch – in der Schrift – in ein Buch paßte und von anderen durch die Schrift nacherlebt werden konnte.

Aber ist es wirklich so, daß der Druck dies alles verlangte, oder handelt es sich da um eine ziemlich ungenaue Sprechweise? Jedenfalls bedient sich Giesecke dieser Metaphorisierung: Er macht den Buchdruck zu einem autonomen Täter. Auf diese Weise isoliert er ihn von seiner Umwelt, er läßt ihn zu einer tätigen Gewalt werden. Manchmal hat es gar den Anschein, als ob Gutenbergs Erfindung vom Himmel gefallen sei und eine noch schlummernde mittelalterliche Welt in den Fortschritt entführt habe. Tatsächlich aber erlebt das ausgehende Mittelalter auf ziemlich allen Gebieten Modernisierungsschübe, und genau dieser Aufbruch einer Gesellschaft aus überalterten Strukturen findet in Gutenberg einen genialen Handwerker, einen Vollstrecker.

Normierung, Standardisierung, Rationalisierung gehörten in allen Teilbereichen zu den Bestrebungen der Zeit um 1500, der Renaissance, die – wie man weiß – in Italien schon einige Zeit vor der Erfindung des Buchdruckes ihre Blüten trieb. Man denke nur an gleichzeitige Normierungsleistungen wie die Einführung der Uhrzeit, die Gregorianische Kalenderreform und an die Durchsetzung des Geldes – alles Entwicklungen, die unabhängig vom Buckdruck das Gesicht der neuen Zeit bestimmten. Eine Gesellschaft, die im großen Maßstab komplexer untereinander kommunizieren will, muß zur Orientierung aller Vergleichbarkeiten herstellen.

Erstaunlich dann allerdings, daß Giesecke nicht die Durchsetzung einer einheitlichen Schriftsprache analysiert. Ich hege den Verdacht, daß der komplizierte und sich in irritierenden Sprüngen vollziehende Prozeß der Sprachnormierung nicht so recht in sein Konzept paßt. So untersucht er eine andere Standardisierungsleistung, nämlich die Entwicklung der bildlichen Darstellung. Eigentlich merkwürdig, denn die am meisten verbreitete Technik zur Vervielfältigung von bildlichen Darstellungen, den Holzschnitt, hat es schon lange vor Einführung des Buchdrucks gegeben, wie übrigens andere Stempeltechniken auch.