Unter den fünf Kandidaten zeichnet sich noch niemand ab, der die Wähler in den Bann schlägt

Von Dieter Buhl

Manchester, New Hampshire, im Februar

Die Bürger New Hampshires gelten als die meistprivilegierten Wähler in Amerika. Nirgendwo sonst wird um jede einzelne Stimme so intensiv gerungen, nirgendwo begeben sich die Bewerber um das Präsidentenamt in so enge Tuchfühlung mit dem Wahlvolk wie hier. Wahlkampf en détail heißt das Motto, mit Händeschütteln, Schulterklopfen und direkter Ansprache. Der Aufwand trägt nicht immer Früchte. Das beweist die alle vier Jahre wieder kolportierte Anekdote vom unschlüssigen Farmer. "Wie soll ich meinen Favoriten unter den Kandidaten benennen", knurrt er auf eine entsprechende Frage, "ich habe sie doch erst zweimal gesehen."

Wer will, kann den Bewerbern in der Tat noch öfter begegnen. Sie durchkreuzen seit Wochen den dünnbesiedelten Staat im amerikanischen Nordosten. Kein Ort ist ihnen für einen Besuch zu klein, keine Mühe beim Wahlkampf in Eiseskälte zu groß. Es lockt ein wichtiger politischer Preis. Offiziell geht es darum, möglichst viele Delegierte für den nationalen Konvent im Juli zu gewinnen, der den Präsidentschaftskandidaten der Partei nominiert. Mehr zählt jedoch der Siegeslorbeer bei der ersten wichtigen Entscheidung im Wahljahr, der Durchbruch mit möglichem Dominoeffekt bei den nachfolgenden Vorwahlen, der im Weißen Haus enden könnte. Die Statistik liefert zusätzlichen Ansporn. Seit 1952 ist niemand Präsident geworden, der nicht die primary in New Hampshire gewonnen hatte.

Bei den Republikanern steht die Alternative George Bush-Patrick Buchanan zur Wahl. Der erzkonservative Journalist könnte zu einem gefährlichen Herausforderer des Präsidenten werden, wenn er am Dienstag über dreißig Prozent der Stimmen gewönne. Doch für einen solchen Erdrutsch spricht bisher wenig. Bei den Demokraten stellt sich schlicht die Frage, ob sie überhaupt noch einen erfolgversprechenden Präsidentschaftskandidaten hervorbringen können. Nach drei aufeinanderfolgenden Wahlniederlagen haben sich Zweifel breitgemacht. Deshalb wird jetzt ein Bewerber gesucht, der den Kern der Wählerschaft, die Mittelklasse, für sich und die demokratische Partei gewinnen kann.

Grassierende Unsicherheit