ZDF, dienstags: „Unser Lehrer Dr. Specht“

Unser Lehrer Doktor Specht / liebt das weibliche Geschlecht“, dichten die unbotmäßigen Schüler des Wilhelm-Busch-Gymnasiums zu Celle. Als Frau kann man da nur empathetisch seufzen: Wenn’s doch so wäre! Folge für Folge stellen Schülerinnen, Kolleginnen und andere Damen dem attraktiven Deutschlehrer mit dem vielversprechenden Nachnamen erotische Fallen, um die der Biedermann sich Folge für Folge zielsicher herumdrückt. Eine Lolita hopst halbnackt über seinen Flur, und er ringt genervt die Hände. Ein Vollweib legt sich in sein Bett, und er flucht. Eine Kollegin schmachtet ihn an, und er flieht. Versteh eine die Männer.

Die neue Lehrer-Serie im ZDF (Regie: Werner Masten) hat sich zum Ziel gesetzt, das Allgemein-Menschliche und Ewig-Männlich-Weibliche hinter Schulhausmauern und in Klassenzimmern aufzuspüren, und sie dosiert den Schicksalsstoff gleich mächtig hoch. Die jungen Leute haben, man weiß das ja, nur eins im Sinn: das andere Geschlecht. Und wenn sie da nicht landen können, trösten sie sich im Rausch. Ein Klassenlehrer, der für seine Schützlinge dasein will, kann sich unter diesen Umständen kaum mit Goethescher Lyrik aufhalten, er muß als freiwillige soziale Feuerwehr vom Krankenbett zum Dealertreff und von der Disco zu den verschiedenen Elternhäusern hechten. Und da nicht nur das Jungvolk, sondern auch die Erwachsenenwelt fast immer nur an das eine denkt, kommt der an Pädagogik wirklich interessierte gute Specht zu nichts. Kaum hat er einen neidischen Kollegen besänftigt und einen deprimierten Schülerinnen-Papa getröstet, tritt schon wieder der Weibsteufel in Gestalt einer lasziven Nachbarin an ihn heran, die ihre Absichten in folgenden Klartext kleidet: „Als ich fünfzehn war, hab ich meinen Deutschlehrer verführt, um meine Deutschnote aufzubessern. Sind Sie schon mal verführt worden?“ Offenbar ist er schon mal, und offenbar hat es ihm nicht zugesagt, denn er nimmt Reißaus.

Die im Grunde löbliche Absicht der „Specht“-Serie, ein Milieu wie die Schule aus den Vorurteilen der Staubtrockenheit und der erotischen Keimfreiheit zu erlösen und zu zeigen, daß auch in Gymnasien Menschen mit Begierden ein und aus gehen, scheitert an der Übertreibung, mit der hier die Schule zum Pandämonium hochdramatisiert wird, und an der Überforderung, mit der die Figur des Specht, als leidenschaftsloser Wellenbrecher und als Mensch unter Menschen konzipiert, ihren Darsteller austrickst. Robert Atzorn als Specht kann machen, was er will, er kriegt kein Leben in den Zeigestock. Dafür ist er zu vollkommen, zu abgeklärt, zu supergut. Als er jüngst endlich die hübsche Ärztin küßte, war es zu spät. Man nimmt ihm nicht mehr ab, daß er überhaupt weiß, wie Küssen geht.

Der fesche Atzorn wurde bereits als Pfarrer eingesetzt, um die altbackene Würde der Serien-Väterlichkeit durch eine modernere Autorität zu ersetzen; jetzt soll er diese Nummer als Lehrer wiederholen. Klappen kam das aber nur, wenn auch der Lehrer mal irrt und fällt und wenn er nicht der einzige sein muß, der unter einem Personal von Ausgeflippten den Überblick behält. Daß er Fahrrad fährt und Pullis trägt, nützt ihm wenig: Solange jede Episode ihn als porentiefreinen Halbgott über eine Walstatt von Sex und Crime erhebt, bleibt er Held im Sinne jener überlebten Autorität, die er zersetzen soll. Barbara Sichtermann