Von Rainer Schauer

Für einen Tag lebte Heinz, der kein Armer ist, auf Pump. Das macht dem Nürnberger, der seit zwanzig Jahren hierher kommt, keine Probleme. In den Geschäften, am Lift und auf den Almhütten kennt man ihn. Der Heinz wird schon zahlen, wenn nicht morgen, dann eben übermorgen. Der Franke, der an diesem Tag sein Geld vergessen hat, meint: "Diese familiäre Atmosphäre mag ich an Werfenweng. Alles ist überschaubar geblieben, ohne Rummel." Und so soll es auch bleiben, sagen die Einheimischen.

Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn der weiße Rausch der Erschließungsjahre auch das Bergdorf im Salzburger Land aus der Ruhe gerissen hätte. "Dem Hergott sei’s gedankt", sagt Sebastian Obermoser, "daß das alles nicht passiert ist." Der stellvertretende Leiter der Skischule Werfenwengs scheint in Gedanken ein Kreuz zu schlagen, als er beschreibt, was damals ortsfremde Planer und auch ein paar Einheimische schon auf Blaupausen skizziert hatten: überdimensionierte Appartementhotels im Zentrum des Ortes und eine monströse Skischaukel die Berge hinüber nach Abtenau. Aber es geschah ein kleines Wunder: Die Pläne zerschlugen sich; zu teuer erschien den besonnenen Einheimischen die Skischaukel, zu sehr hätten die geplanten Hotels und Appartementblocks das Ortsbild verändert. Werfenweng im Pongau blieb ein ruhiges Dorf, ein paar Kilometer von der Tauernautobahn entfernt.

So hat der in tausend Meter Höhe gelegene Ort am Südrand des Tennengebirges bewahrt, was viele andere längst verloren haben: Ruhe, saubere Luft, ein Skigebiet ohne Wartezeiten, unbeschädigte Natur und vor allem: Zeit für den Gast. Doch auch Werfenweng mit seinen Ortsteilen Zoglau und Wengerau ist nicht das heimelige Bilderbuchdorf aus den Katalogseiten der Tourismuswerbung. Die Streusiedlung hat nur um die Kirche herum so etwas wie ein Ortszentrum aufzuweisen mit Bank, Post, Hotels, Gemeindeamt und Kaufläden. Sonst dominieren im Talgrund zwischen Wäldern und Wiesen mächtige Einzelgehöfte mit weit ausladenden Dächern, die Geborgenheit versprechen und über denen die Rauchfahnen wie Säulen in der kalten Winterluft stehen.

Es ist gut, an warmen Kachelöfen in alten Bauernhöfen wie dem Edtgut zu sitzen und die Hand um ein Glas mit heißem Glühwein zu spannen. Im Edtgut und im Oberegg backen die Bäuerinnen ihr Brot wieder selbst, Laibe mit dunkler Kruste und dem unnachahmlichen Geschmack von Sauerteig. Die Natur hat Konjunktur. Auch in Werfenweng.

"Das suchen jetzt die Leut’", weiß Sebastian Obermoser. "Schau doch hinunter, was da los ist. Massen, nix als Massen, und die Kinder verirren sich in dem, was die Skizirkus nennen." Er meint die Skigebiete von Flachau-Wagrain, die weiter im Süden liegen. Aber die muß es auch geben.

Werfenwengs Skigebiet mit seinen dreißig Kilometern Piste liegt zwischen Lärchenwäldern unmittelbar vor der schartigen Kulisse des Tennengebirges. Der Skifahrer gleitet über buckelige Almböden, die keinen perfekten Stil verlangen. In einem Tag läßt sich das Werfenwenger Skigebiet erobern. Und da bleibt auch noch Zeit, oben auf der Höh’ ins Prokschhaus, in die neue Sportalm Strussing oder in die Bischlingsalm einzukehren. Hier vor allem hat sich die Hüttenromantik erhalten – mit Holztischen und Hirschgeweih, Gemskrucken und dem getrockneten Bergblumenstrauß im Herrgottswinkel. Wenn die Gäste, meist Deutsche, dann nach Germknödel, Jagatee und Marillenschnaps fröhlich singen "Wir sind alle kleine Sünderlein", ja dann weiß der Bischlingswirt, daß die Leute morgen wieder sagen werden: Ein pfundiger Tag war’s, droben auf der Alm.