Gestern stand in meiner Zeitung, die SPD hoffe nunmehr auf den inneren Frieden. Woher die Hoffnung? Lafontaine und Klose haben, der Nachricht zufolge, ein Bekenntnis abgelegt. Die beiden, so heißt es wörtlich, „bekennen sich zur Kanzlerkandidatur Björn Engholms“, und der begleitende Kommentar zieht den eschatologisch richtigen Schluß, mit diesem Akt seien der Partei, von ihr sehnlichst erwartet, „die Hoffnungsträger“ erstanden.

Da muß sich, vermuten wir als noch dem alten Kinderglauben Anhängende, zwischen Himmel und Erde etwas abgespielt haben, von dem wir sonst nur noch in den Büchern der Heiligen lesen: Zwei Sünder legen ein Bekenntnis ab, Gott legt ihnen darob die Hand auf und erhebt sie mitsamt dem, zu dessen Auserwähltheit sie sich mutigtrotzig bekannt haben, postwendend zu Hoffnungsträgern und damit zu Friedensbringern seines arg gebeutelten Volkes.

Drei Hoffnungsträger auf einmal, das schien mir, in Anbetracht dessen, daß das Volk des Alten Bundes jahrtausendelang nur auf einen Hoffnungsträger hat schauen dürfen, ein bißchen viel, doch beruhigte ich mich bei dem Gedanken, das hochkomplizierte Heute brauche wohl ein paar Hoffnungsträger mehr als das einfache Damals.

Am Abend desselben Tages stieß ich denn auch prompt auf einen weiteren Messias. Das Portrait eines Mannes in der Funk-Uhr trug den adventlichen Untertitel: „Der Hoffnungsträger“. Kein anderer war gemeint als Lothar Späth in seiner neuen Funktion. Was für eine Karriere, vom gestrauchelten Ministerpräsidenten zum Erwählten! Da soll mir noch einer erzählen, die Geschichte von Gregorius auf dem Steine, dem übergroßen Sünder, den Gott schließlich zum Vater der Christenheit erkor, sei nichts als ein nichtssagender, wenn nicht gar volksverdummender Mythos und passe nicht mehr in diese Zeit.

Jetzt erst begriff ich: Wir haben’s derzeit mit einer Inflation von Hoffnungsträgern zu tun: Helmut Kohl ist ein Hoffnungsträger, was denn sonst? Der Bundespräsident ist selbstredend einer. Der Vielzweck-Hoffnungsträger Franz Beckenbauer, nicht zu vergessen, gehört dazu und der demnächstige Trainer der vom Abstieg bedrohten Fortuna Düsseldorf und Andreas Möller, der geniale Mittelfeldspieler, gleichgültig, ob er bei Eintracht Frankfurt bleibt oder zu Atlanta Bergamo geht, in welch letzterem Falle er immerhin zu einem italienischen Hoffnungsträger würde.

Der Hoffnungsträgerei gesellt sich eine zweite Epidemie, der Bekennerrummel. Auch hier sind die Politiker führend. Ihre Reden überborden von Bekenntnissen: zum Frieden, zu Europa, zu Deutschland, zur Marktwirtschaft, zum Schutz des Lebens; fehlt nur die Confessio zur Reinheit des Herzens. Und kein Bekenntnis, das die Medien nicht mit gefalteten Händen nachbeten.

Der Minister, heißt es, bekennt sich zur Universitätsreform. Der entflammte Leser sieht einen Mann, wie er sich vor empörten Studenten nach Art der Erzväter und Propheten die Kleider zerreißt, auf die Knie sinkt und, die Hände zum Himmel emporgestreckt, sein „Confiteor“ ablegt. Keiner erwartet jetzt mehr, daß der Minister nun auch noch in eben dieselben Hände spuckt und die Reform in Angriff nimmt; er hat ja schon viel mehr getan: Er hat sich vor aller Augen zur Reform bekannt.