Ein Lehrstück über die Macht des Gerüchts, oder: Etwas bleibt immer hängen

Von Klaus Schlesinger

Katastrophale Nachrichten haben mich so oft übers Telephon erreicht, daß ich einiges gewohnt bin, aber hätte ich gewußt, was mich am letzten Montag des vergangenen Oktobers erwartete, ich hätte, statt den Hörer abzuheben, besser meinen Koffer gepackt und dieses freundliche Land für drei, vier Monate verlassen.

Am Telephon war der Kritiker S., den ich von früher her kenne und der jetzt für die Welt schreibt. Seine Stimme zitterte ein wenig, und er sprach so schnell, daß ich Mühe hatte zu verstehen, was er mir mitteilen wollte. Es waren zwei Informationen. Erstens: Die Autorin N., mit der ich zwei Jahre lang eng befreundet gewesen war, habe im Spiegel eingestanden, sie sei im Jahre 1957 Inoffizielle Mitarbeiterin der Staatssicherheit geworden. Zweitens: Sie habe gegenüber ihrer langjährigen Vertrauten, der Lyrikerin K., behauptet, daß sie ja nicht die einzige aus unserem Freundeskreis gewesen sei, die das getan habe – ich, Schlesinger, sei auch dabeigewesen.

Daß ich einen Moment sprachlos war, wird mir zugestanden werden. Ich habe die Autorin N. als eine Person kennengelernt, die keinen Zweifel an ihrer politisch-moralischen Integrität erlaubte. Die zweite Behauptung hielt ich aus Gründen, die zu benennen eine Verletzung der Intimsphäre wäre, zwar nicht für unmöglich, aber für unwahrscheinlich. Ich verwies die Geschichte des Kritikers S. in den Bereich entweder des krassen Mißverständnisses oder des billigsten Tratsches, kaufte mir eilig das Nachrichtenmagazin, hatte die schmale, schockierende Spalte kaum zu Ende gelesen, als mein Kollege Sch. aus Berlin-Moabit anrief, mich mit der gleichen Behauptung konfrontierte und – bevor ich ihm widersprechen konnte – in seiner bedachtsamen Art eindringlich ermahnte, die Autorin N. habe gesagt, ich hätte es ihr selbst gestanden, und ich möge deshalb nicht vorschnell nein sagen, alle Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi stritten den Verdacht erst einmal ab, und es solle mir nicht so gehen wie einem Ibrahim Böhme, der unter der Last der Beweise nach und nach seine Verstrickung in den Spitzelapparat der SED zugeben mußte. Da ich nicht gewillt war, mein Dementi erst nach einer Bedenkzeit von fünf oder zehn Minuten zu sprechen, nahm das Gespräch keinen erfreulichen Ausgang.

Ich aber setzte mich hin, schrieb der Lyrikerin K. in einem Eilbrief, sie solle das Gerücht, falls sie es glaube, öffentlich machen, damit meine Akten über eine gerichtliche Klärung schnellstens auf den Tisch des Hauses gelangten – falls sie es aber nicht glaube, diese böse Verleumdung auf gleichem Wege wie kolportiert zurücknehmen.

Ich wartete eine Woche; und eine zweite. Keine Antwort. Zwei Freunde boten sich zur Vermittlung an und telephonierten mit ihr. Sie wurden mit der definitiven Antwort beschieden, sie, die Lyrikerin K., werde über dieses Thema nicht mehr reden.