Von Hanns-Josef Ortheil

Noch vor wenigen Jahren war Joseph Roth ein zwar geschätzter und verehrter, aber scheinbar hoffnungslos antiquierter Autor. Seine Romane und Erzählungen wurden noch immer gelesen, und seine Biographie war vielen wie eine liebenswerte Legende in Erinnerung – die Geschichte eines Mannes ohne Zuhause, die Geschichte eines galizischen Juden, den es durch halb Europa trieb, auf einer ebenso aussichtslosen wie beklemmenden Flucht, der er kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs erlag.

Das alles schien jedoch sehr weit weg: eine bittere Geschichte aus Resignation und Tristesse, die sich ihres exemplarischen Verlaufs wegen zur Verklärung eignete. Joseph Roth war ein Autor für einige Leser und für viele Schriftsteller geworden; in seiner Biographie kam das Nomadenhafte so mancher Schriftstellerexistenz deutlicher als anderswo zum Vorschein.

Seit 1989 bedarf diese Perspektive dringend der Überprüfung. Die politischen Veränderungen im Osten Europas werfen ein neues Licht auch auf die literarischen Landkarten und die Biographien von Autoren, die uns weit entrückt schienen. Die Vergangenheit wird in dem Maß neu gelesen, in dem die Konturen des alten Europa wieder sichtbarer werden, Konturen eines jahrtausendealten Europa – vor der Auseinanderdividierung in ideologische und militärische Blöcke. Galizien, die Heimat Joseph Roths, erscheint uns jetzt nicht mehr in unendlicher Ferne, Wien, die Stadt, in der er sich zuerst als junger Journalist etablierte, ist dem Osten näher gerückt, Berlin, das er in den zwanziger Jahren wie ein Vivisekteur in seinen Artikeln untersuchte, hat seine Sonderstellung verloren.

Spätestens seit 1989 ist es mit der kulturellen und geistigen Erstarrung vorbei, die den Kontinent in zwei monoton vor sich hin deklamierende Lager spaltete; das Ende der ideologischen Ära ist der Beginn einer europäischen Stimmenvielfalt, die die alten Geschichten neu erzählt und ihnen ein breites Terrain von Erfahrung zurückerobert.

So wird man auch die Werke Joseph Roths jetzt neu lesen müssen: Ein eigentlich heimatloser Autor mit einem ausgeprägten Sinn für kulturelle Identitäten, für die Stimmungen der europäischen Völker, für Atmosphären und Details stört uns auf in unseren alten Gewißheiten. Wir müssen erfahren, daß wir ihn vorzeitig in die Geschichte verabschiedet haben.

Es ist mehr als eine glückliche Fügung, daß seit 1989 Roths Arbeiten in einer stark erweiterten Werkausgabe erschienen sind. Die sechs blauen Bände zeigen eine neue Gewichtung und kommen dabei dem stetig gestiegenen Interesse für den Journalisten Roth entgegen: Drei Bände enthalten das journalistische Werk, drei Bände jene Romane und Erzählungen, durch die der Autor berühmt wurde.