Hat Deutschland nur eine Vergangenheit, aber keine Gegenwart?

Von Franziska Augstein

Von dem anglikanischen Bischof Joseph Butler, der schlaflos des Nachts in seinem Garten Runde um Runde drehte und – philosophischen Gedanken hingegeben – auch seine Begleiter nicht zur Ruhe kommen ließ, wird berichtet, eines Nachts habe er versonnen im Schreiten innegehalten: Ob es wohl möglich sei, daß nach Art von Individuen auch Nationen mit einem Mal verrückt werden?

Wenige Jahrzehnte später machten die Franzosen Revolution und waren in den Augen manches konservativen Peripatetikers offensichtlich übergeschnappt; und mit der nun anhebenden Ära der Massenbewegungen wurde der Nationalcharakter im Auf und Ab der internationalen Wechseldiskurse eine Größe, mit der gerechnet wurde. Erst die neue Völkerverständigung nach dem Zweiten Weltkrieg, im Verein mit der Einsicht, daß nicht einmal individuelle Charaktere unabhängig von ihren Lebensumständen taxiert werden können, brachte den Nationalcharakter als Kategorie aus der Mode.

Wenn also heute der Sozialanthropologe Louis Dumont dem ideologischen Charakterbild der Deutschen und der Franzosen "von gestern und vorgestern" auf der Spur ist, dann ist die Eisdecke, auf der er läuft, so dünn, daß man sich fragt, ob sie nicht vor Jahrzehnten schon geschmolzen sei.

Aber es hat ja das Thema "Nationalismus" Konjunktur. Drei von vier Franzosen halten es für "vorrangig", die "französische Identität zu bewahren", so eine Umfrage des L’Express. Und daß man nun "Angst vor Deutschland" haben darf, ist beliebtes Leitartikel-Sujet. Bei diesem Stand der Dinge nimmt es nicht wunder, daß Dumonts Aufsatzsammlung Resonanz in der französischen Presse hat. Der Autor war fünf Jahre lang in deutscher Kriegsgefangenschaft. Man mag als Ironie der Geschichte sehen, daß er zu den wenigen französischen Wissenschaftlern zählt, die sich als Soziologen mit Gesellschaftstheorie befassen, einer Disziplin, die in Deutschland und in der englischsprachigen Welt, kaum jedoch in Frankreich beheimatet ist.

Dumont beruft sich auf Friedrich Meineckes Unterscheidung zwischen "Staatsnationen" und "Kulturnationen"; jene verfügten über ein politisches, auf verfassungsgarantierten Individualrechten fußendes "westliches" Konzept von "Nation", diese hätten ein kulturell bestimmtes "östliches" Verständnis des Begriffs. Dumont vergleicht nun "unsere" mit der prämodernen Vorstellungswelt: Hier wird zwischen Subjekt und Objekt scharf getrennt, dort sind die Dinge diffus; hier herrscht das Regiment der Sachbeziehungen, dort bestimmen Menschen über Menschen, kurz: hier sei der Individualismus Ideologie geworden, dort bleibe die Gesellschaft im "Holismus" befangen, der die Gemeinschaft der Individuen über die Summe ihrer Einzelinteressen setzt.