Von Moritz Döbler

Elbmarsch, im Februar

Sebastian und Angela sind tot, und in der Gemeinde Elbmarsch, wenige Kilometer östlich von Hamburg, werden noch mehr Kinder an Leukämie sterben: Seit Anfang 1990 sind sechs Kinder und ein junger Mann am gefährlichen Blutkrebs erkrankt. Sechs von 1400 Kindern, das ist sehr viel mehr als im statistischen Durchschnitt. Doch hier gibt es nicht nur mehr Leukämiefälle als anderswo; es gibt auch mehr Radioaktivität: Kaum weiter als einen Steinwurf entfernt, auf der anderen Seite der Elbe, liegt das Atomkraftwerk Krümmel; und nur ein Stück flußaufwärts stehen zwei Forschungsreaktoren. Kein Wunder also, daß die Bürger von Elbmarsch fordern: "Abschalten!" – wenigstens, bis die Ursachen geklärt sind.

Wenn dieser Forderung irgendwo entsprochen würde, dann müßte es hier sein: Der Ort liegt in Niedersachsen, das Kraftwerk in Schleswig-Holstein, und die Regierungen beider Länder fordern den Ausstieg aus der Atomkraft. Doch so einfach ist das nicht: Der Betrieb des Kraftwerks Krümmel ist genehmigt, die Grenzwerte werden eingehalten, von einem schweren Unfall ist nichts bekannt.

"Damit ist bereits bewiesen, daß es nicht von Krümmel kommt", sagt Eberhard Maintz, leitender Betriebsarzt der Hamburgischen Electricitäts-Werke, denen das Atomkraftwerk zur Hälfte gehört. In Kiel und Hannover spricht man vorerst von "Anfangsverdacht" – gemeint ist wohl, daß man gerne einen Verdacht hätte.

"Etwas abschalten kann man eigentlich nur, wenn man etwas nachgewiesen hat oder wenn sich der Verdacht erheblich erhärtet hat – allein aufgrund eines Anfangsverdachtes kann man noch nicht abschalten", sagt der grüne Staatssekretär Jan Henrik Horn im niedersächsischen Umweltministerium. Horn meint indes, man dürfe nicht den vollen Beweis verlangen, daß die Radioaktivität ursächlich für die Erkrankungen sei. "Man sollte zumindest eine Beweiserleichterung, wenn nicht eine Beweislastumkehr fordern."

Auf einer Bürgerversammlung in der Schützenhalle von Tespe, einem der drei Dörfer, die zur Gemeinde Elbmarsch gehören, hat sich der Staatssekretär sogar zu einem Versprechen hinreißen lassen: "Wenn weitere Fälle auftreten", sagte er, "wären wir zu schnellem Handeln gezwungen." Aus der aufgebrachten Menge schallte der Zwischenruf: "Ja, worauf wartet Ihr denn noch?" Im Gespräch mit Reportern steigerte Horn sein Versprechen : "Ich könnte mir schon vorstellen, daß Krümmel oder die Forschungsreaktoren abgeschaltet werden, wenn in nächster Zeit wieder ein Fall von Kinderleukämie auftritt." Freilich: Staatssekretär Horn ist nicht zuständig für das Abschalten schleswig-holsteinischer Atomkraftwerke, und im eigenen Land Niedersachsen hat das rot-grüne Kabinett noch kein Atomkraftwerk abgeschaltet.