Die Welt, im Osten und überhaupt, befindet sich in Verwerfungen, die recht schwer zu begreifen sind. Die Alltagswissenschaft (Journalistik) brummt; es scheint daher geboten, die einzigartige Karriere eines Begriffs zu schildern, der klarmacht, wofür sonst Worte fehlen: Es handelt sich um die Bezeichnung "kompatibel".

Vor vielen Jahren war Kompatibilität nur ein staatsrechtlicher Begriff, der die Vereinbarkeit von Ämtern bezeichnete, die eine Person gleichzeitig bekleidete. (Man muß sich das so vorstellen: Es war unmöglich, zugleich Friseur des Kanzlers und Kanzler selbst zu sein, außer man wollte sich bei offiziellen Anlässen unmöglich machen.)

Im Lauf der Zeit okkupierten auch die Medizin (für die Verträglichkeit von lebendem Gewebe) und die Sprachwissenschaft (für den Grad, in dem Worte zueinander passen) den Begriff. Zuletzt wurde er zum Fachwort der Nachrichten- und Informationstechnik und bezeichnet die Austauschbarkeit oder Verknüpfbarkeit von Geräten, Daten, Signalen und Programmen.

Von dort aus hat die Kompatibilität ihren Weg in die Alltagssprache angetreten und wird zweifellos unser Weltverständnis revolutionieren. Denn sie umfaßt mehr als statisches Zusammenpassen: Probleme entstehen immer im Übergang.

Warum zum Beispiel ist der neue ICE der Bundesbahn ein Erfolg und die Zukunftsidee Transrapid so umstritten? Ganz einfach: Weil der eine auf die alten Gleise paßt, während der andere beim besten Willen nicht schienenkompatibel ist. Dieses kleine Beispiel weist den Weg weg vom Wirtschaftlich-technischen hin zur Psychohygiene: ob man vom Überkommenen lassen kann, ob man etwas, das gestern noch nützlich war, heute einfach wegzuwerfen vermag.

Man denke an die Anpassungsleistungen, die Kinder im Lauf ihrer Entwicklung unaufhörlich zu vollbringen haben: sämtlich Kompatibilitätsprobleme. Der Übergang von der Windel zum Töpfchen stellt die Frage, ob das Kind topfkompatibel ist (daß der Topf kinderkompatibel ist, wird hier vorausgesetzt); auch kann der Übergang in den Kindergarten nur dann relativ spannungsfrei verlaufen, wenn die zur Verfügung stehende Kindergartentante omakompatibel ist.

Die verborgene Dynamik drückt sich besonders in der wichtigen Begrifflichkeit "aufwärtskompatibel" und "abwärtskompatibel" aus. Um bei den Beispielen zu bleiben: Die kompatible Kindergartentante ist auch aufwärtskompatibel, weil sie die alten Bräuche fortführt, die das Kind von zu Hause gewohnt ist – wohingegen Oma nicht alles versteht, was im Kindergarten geschieht; das Kind jedoch ist abwärtskompatibel mit Oma, wenn es sie trotzdem weiter mag.