Reiseleiter müssen oft erleben, daß ihren Vorträgen nur dann gelauscht wird, wenn sie Überraschendes und Kurioses über historische Schauplätze zu berichten wissen.

Vier Autoren machten aus dieser Erkenntnis ein Buch und würzten es mit Witz und einer Prise Humor – Dietrich Kreide, Lerke von Saalfeld, Ula Stöckl, Alfred Hürmer: „Streifzüge durch die deutsche Kulturgeschichte“ (Falken-Verlag, Niedernhausen/Ts. 1991; 207 S., 29,80 DM). Die Verfasser suchten sich 52 Reiseziele aus, vorwiegend in den alten Ländern der Bundesrepublik angesiedelt. Bekanntes steht neben Unbekanntem.

Zum Unbekannteren gehört das Renaissancestädtchen Lemgo mit seinem labyrinthischen Schnitzwerkbau, dem sogenannten „Junkerhaus“ in der Hamelner Straße. Karl Junker, er war Architekt, Maler und Holzschnitzer, begann ums Jahr 1890 mit seinem Hausbau. Das, was entstand, gleicht innen einer Tropfsteinhöhle, die Geisterkulten dient. Kein Fleck, der nicht holzgeschnitzte heidnische und christliche Symbole aufweist – einschließlich der Toilette.

Auch das Zahnärztliche Museum in Tübingen läßt an Grausen nichts zu wünschen übrig. Schreckenerregende Zangen und Hebel, der gefürchtete „Pelikan“, mit dem durchaus ein Zahn gezogen, aber auch der Kiefer gebrochen werden konnte, lassen jede moderne Zahnbehandlungsmethode geradezu lustvoll erscheinen.

In Wörlitz unweit von Coswig ließ Fürst Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau einen Park anlegen, in dem jeder Spaziergänger in einer Landschaft wandeln konnte, die seiner augenblicklichen Gemütsverfassung entsprach – sanfte Au, lieblicher See, murmelnder Bach wie auch finsterer Wald, wilder Wasserfall und wüster Felsen dienten dazu. Jean-Jacques Rousseau war der geistige Vater dieses Gartens aus der Zeit der Aufklärung.

Eine Kostbarkeit für jeden Theaterfreund dürfte die „Narrentreppe“ in der Burg Trausnitz über Landshut sein. Sie weist eine gemalte Scheinarchitektur auf, in der sich die lebensgroßen Figuren aus der Commedia dell’arte tummeln. Das um 1575 entstandene „Bildprogramm“ huldigte der Theaterleidenschaft des niederbayerischen Herzogs Wilhelm V. und seiner Gemahlin Renata von Lothringen.

Im Reigen dieser kulturgeschichtlichen Streifzüge sollen die frühgotischen Fresken im Dom St. Petri zu Schleswig nicht vergessen sein. 1937 erhielt der Kunstmaler Lothar Malskat den Auftrag, die Fresken von einer Übermalung zu befreien und zu restaurieren. Das tat er, und zwar gründlich, so gründlich, daß von den Originalen nichts übrigblieb. Um einen Kulturskandal zu verhindern, schuf Lothar Malskat ureigene „frühgotische“ Fresken und gab sie als die echten aus. Keinem Menschen fiel das auf. Nicht einmal die Truthähne, die es zur Zeit der Gotik in Europa noch nicht gab, erregten Befremden. Wie die Sache ausging, verraten die Autoren der Streifzüge in vergnüglicher Art und Weise. Ein rundum köstliches Reisebuch. Esther Knorr-Anders