Von Heinz-Günter Kemmer

Im Ruhrgebiet fühlt man sich an

Herbert Wehner erinnert: „Wer rausgeht, muß auch wieder reinkommen“, hat der einmal gesagt, als Abgeordnete unter Protest den Bundestag verließen. Und so wie jenen Abgeordneten geht es jetzt den Verantwortlichen der Dortmunder Hoesch AG, die sich zunächst vehement einer Übernahme durch Krupp widersetzt haben und nun doch dazu übergehen, auf den Pfad der Gemeinsamkeiten einzuschwenken.

So wird dieser Freitag wohl nicht zum Markstein des heldenhaften Kampfes gegen den Aggressor aus Essen werden. Denn der Hoesch-Aufsichtsrat, der an diesem Tage zusammentritt, wird dem Vorstand kaum untersagen, mit Krupp Gespräche über eine Fusion der beiden Unternehmen zu führen. Dies nämlich wäre nicht mehr im Sinne des Hoesch-Vorstands. Der hat sich inzwischen von den wirtschaftlichen Vorteilen der Fusion überzeugen lassen und wartet nun auf ein Mandat zur Vertiefung der Gespräche.

Ob die aufgebrachten Arbeitnehmervertreter da mitmachen, ist noch nicht völlig sicher, mit einem schroffen Nein wird aber kaum noch gerechnet. Zwar sind viele Wünsche der Hoesch-Belegschaft an die Fusionsstrategen bisher unerfüllt, daß der Fusion aber nur 1800 der insgesamt mehr als 110 000 Arbeitsplätze zum Opfer fallen sollen – und dies auch noch über drei Jahre verteilt – hat die Gemüter doch beruhigt. Überdies können auch die Betriebsräte nicht übersehen, daß die Fusion zu einer deutlichen Ergebnisverbesserung führen würde. In den fünf Jahren von 1992 bis 1996, so haben gemischte Krupp-Hoesch-Arbeitskreise vorgerechnet, könnten gut 1,5 Milliarden Mark gespart werden.

Um diesen profanen Zahlen mehr Glanz zu verleihen, bemühte man zusätzlich die Unternehmensberatung Roland Berger. Die hat freilich keine eigenen Ermittlungen mehr angestellt, sondern lediglich die ihr vorgelegten Zahlen auf „Plausibilitäten und Konsistenz untersucht“. Die Berger-Consulter stellten fest: „In Summa erscheinen die angesetzten Einsparungen von circa 0,5 Milliarden Mark (Zieljahr 1996) erreichbar.“ Die Beraterfirma schränkt allerdings auch ein, daß eine klare Abgrenzung von Rationalisierungserfolgen, die auch im Alleingang von beiden Unternehmen zu erzielen gewesen wären, nicht in allen Fällen möglich ist.

Den Dortmunder Sinneswandel hat freilich weniger das in Eigenarbeit ermittelte und mit der Berger-Stellungnahme verbrämte Zahlenwerk bewirkt als vielmehr eine Veränderung der Machtverhältnisse. Kurz vor Weihnachten hatte Krupp nämlich kundgetan, man besitze nun nicht nur 24,9, sondern mehr als 50 Prozent der Hoesch-Aktien. Dadurch waren alle Hoffnungen der Dortmunder, daß sich doch noch eine Gegenmacht zu Krupp bilden könne, hinfällig geworden. Und damit war auch vorgezeichnet, was Hoesch bei einer Verweigerung der Zusammenarbeit geblüht hätte: Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung, Aufhebung der Stimmrechtsbeschränkung, Neuwahl des Aufsichtsrats und Weisung an den Vorstand, sich mit Krupp zu arrangieren.