Klack, klackklackklack, klack-klack – die Rhythmen der Kameraverschlüsse verschieben die Betonungen des ersten Liedes, ein Spalier von Photographen lehnt am Bühnenrand, Scheinwerfer und Filmkameras benützen die teuren Plätze als billige Statisterie – Ute Lemper singt.

Die altbekannte Schizophrenie blitzt auf. Die ungeliebten Gäste, notgedrungen eingeladen, machen sich breit, fläzen sich, nehmen die Sicht und die Konzentration. Ute Lemper weist die Photographen aus dem Saal. Sie hat recht, man ist dankbar und klatscht. Und dann, während Canon & Co ihre Objektive verstauen, gibt sie ihnen ein endbetontes "Dieses unsensible Pack!" mit auf den Weg und dann noch ein "Entsetzlich!" hinten drauf.

Es ist zuviel. Es ist immer ein bißchen zuviel, was Ute Lemper macht – in ihrer Begeisterung wie in ihrer Empörung.

Ute Lemper singt aus dem Songbook Michael Nymans, das er für sie geschrieben hat: Lieder nach Texten Rimbauds, Shakespeares, Mozarts, Celans. Wer da "Cats" und "Cabaret" erwartet hatte, mußte enttäuscht sein. Wer den englischen Komponisten Michael Nyman nicht von seiner Musik zu den Filmen Peter Greenaways her kannte, mußte erst einmal umdenken. Nymans Kompositionen wirken ungemütlich vertrackt. Melodisch eingängig zitiert er Bruchstücke der musikalischen Tradition, schickt sie durch die Maschinerie seines sechzehnköpfigen Orchesters, hypnotisch, hart und rhythmisch. Fragmente, die in immer neuen Spiegelungen aufleuchten, bis sie plötzlich abbrechen – neues Spiel, neuer Einsatz. Eine faszinierende Musik ohne den gewohnten Spannungsbogen, die das einmal gewählte Tempo, die einmal vorgegebene Lautstärke so lange beibehält, bis die Szene wechselt. Schnitt.

Ute Lemper singt. Nyman gestattet ihrer Stimme alles, was er sonst in seiner Musik vermeidet und was Ute Lemper auszeichnet: die Virtuosität der Hoch- und Weitsprünge, das rauhe Vibrato, die glasklaren Höhen, den weichen Schmelz, den deklamatorischen Operngestus. Wahlweise. Nyman unterstützt, begleitet, kommentiert – allein, es fehlt der dramaturgische Zusammenhang. Shakespeares "Ariel Songs" funktionieren nur als Zwischenspiel, Mozarts Texte – eine wunderschöne Collage – schmeicheln als Klassik-Pop, Rimbauds frühe Gedichte donnern mit Revolutionspathos vorüber. Man fragt sich immer, welchen Film man gerade sieht.

Nyman hat Lemper in eine verführerische Falle gelockt, die ihm selbst zum Verhängnis wird. Ute Lemper könnte mehr, wenn sie wüßte, was sie will. So wenig sie sich in ihrem Image zwischen Garbo, Dietrich und Callas entscheiden kann, so hilflos nimmt sie immer wieder einen Anlauf zum neuen Lied. Das Vor- und Zurückwippen auf den Fußballen einer Leichtathletin vor dem entscheidenden Hochsprung wechselt mit der Pose einer Barrikadenkämpferin. Hier steh ich, trefft gut! Höflicher Beifall. Pause.

Sechs Gedichte Paul Celans, sechs Lieder mit einer tiefen Kraft, der man sich nur schwer entziehen kann. Die Perfektion der Stimme, das Pendeln der Musik und die dunkle Klarheit der Texte bilden ein eigenartiges Triumvirat. Kaum auszumachen, wer die Fäden zieht. Kunsthandwerk ist das nicht, aber auch nicht große Kunst, eher stimmungsgeladene Design-Musik, deren grandioser Entwurf zum Verharren einlädt. Zeilen wie "Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt" nehmen einem den Atem, und dann wird wieder schmerzlich bewußt, daß man doch nur im Ambiente sitzt, wenn Celan als "der Steihein, der Steihein in der Luuuuft" vorbeischwebt. "Chanson einer Dame im Schatten", "Corona", "Blume" – in den schönsten Momenten des Abends lieben Musik und Stimme "einander wie Mohn und Gedächtnis". Die Momente bleiben selten.