Einen Adler vögeln! – was für ein Satz (und was für ein Gedanke)! In „Bernard und Bianca im Känguruhland“, einem neueren Zeichentrickfilm der Walt-Disney-Studios, gibt es ein paar atemberaubende Szenen, die immerhin davon erzählen, wieviel Lust und Ekstase darin liegen können, einen Adler zu reiten. Alles weitere Glück erahnen wir nicht einmal.

Einen Adler vögeln! Im „Schlußchor“, dem vorletzten Theaterstück von Botho Strauß, holt sich Fräulein Anita von Schastorf das Federvieh aus einer Voliere – aber das Tier ist bloß ein bleischweres Symbol für irgendwas. Es inspiriert die Frau zu Worten aus reinem Papier: Sie spricht dem Vogel so etwas wie eine Theorie der Nacktheit ins Gesicht, Überlegungen zum Unbehagen an der Kultur. Der folgende Geschlechtsakt kann nur mißlingen – man schläft nicht mit Symbolen!

Der Adler ist im „Schlußchor“ der metaphysische Dampfhammer – die ganze Szene ein marmornes Denkmal dichterischen Eigensinns. Warum es Anita von Schastorf, die verwirrte Tochter eines von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpfers (der vielleicht doch nur ein Frauenheld war), just zur Zeit des großen deutschen Mauerfalls dazu treibt, sich mystisch und bedeutungsschwanger mit dem deutschen Wappentier zu paaren – wer kann (und wer mag) das deuten? Das Rätsel ist unlösbar. Was kein Problem sein müßte (und eine Lust sein könnte) – unlösbare Rätsel gehören zur Literatur. Aber ein Rest Komplizenschaft des Dichters mit dem Leser gehört auch dazu – der Wunsch, irgendwie, und sei es auf die unverständlichste Weise, am Ende doch Gehör zu finden. Strauß’ Rätsel jedoch scheinen unlösbar aus hehrem Trotz und bleischwerem Prinzip.

In Dieter Doms Münchner Uraufführungsinszenierung des „Schlußchors“ hat Gisela Stein sich zum symbolisch-sodomitischen Akt todesmutig unter eine Adlerpuppe gebettet. Ein Akt der Pflicht: Die Schauspielerin opfert sich dem Text – glücklich geworden ist niemand dabei. Nun hat Luc Bondy sich an der Berliner Schaubühne des Dramas angenommen, genau ein Jahr nach Dorn. Wenn man sich anstrengt, das beweist jetzt auch Bondy, kann man den „Schlußchor“ tatsächlich auf die Bühne bringen. Aber diese Anstrengung ist der Berliner Inszenierung von Anfang bis zum Ende anzusehen – das ist die Crux dieses Abends.

Otto Sander spielt „Lorenz“, den Innenarchitekten, der seine Auftraggeberin nackt beim Bade überrascht (in einer Glaskachel-Naßzellen-Säule). Er springt hoch in die Luft, er wirft sich heftig zu Boden, er liebedienen, er kokettiert mit dem Publikum. Er liefert eine einzige, rast- und atemlose Nummer ab. „Bemüht“ ist das richtige Wort für seine Verrenkungen. So bemüht sich auch Bondy um Strauß’ Text, wie aus Pflichtbewußtsein (und nicht aus Leidenschaft). Er will den Komödienschreiber Botho Strauß vor dem Gott- und Sinnsucher gleichen Namens retten – mit ganz viel guter Laune. Bondy lockert auf: Der Chor, bei Dorn ein eiskaltes Vexierbild, ein eingefrorenes, sprungbereites Monster, ist in Berlin ein heiteres Kleinbürgergrüppchen. Man brütet nicht, man plaudert. Betont locker auch Erich Wonders Bühnenbild: irgendwie hingestellte schiefe Wände, aufgesprühte Steckdosen, hinten ein Vorhang, Neonröhren (später ein düsteres und kurvenreiches Art-deco-Foyer): alles sichtbar abgeschabt und improvisiert.

Am Ende scheitert diese Inszenierung – und das ist das Traurigste daran – ganz stadttheaterhaft: Man erkennt die gute Absicht, aber es knirscht und knarzt und knattert im Gebälk. Die Schauspieler verhaspeln sich, und vor der Pause fällt der schwarze Vorhang nicht. Hinten zupfen die Techniker schon lautstark am Ambiente, während vorne Otto Sander noch im Dunkeln liegt und sich schließlich von der Bühne schleicht (obwohl er sich doch gerade totgeschossen hat). Man könnte diese Pannen übersehen – hätte man nicht das Gefühl, daß sie fürs Ganze sprechen und der Wurm des Gebäudes sozusagen schon im Grundriß steckt.

Nur für zwei kurze Augenblicke erfüllt Luc Bondy an diesem Abend das Versprechen seines Namens. Der erste: Imogen Kogge tritt auf, als Weltumseglerin Ursula in einem schmuddeligen Großstadtcafe „Größenwahn“ mit hohen, verschmierten Fenstern. Imogen Kogge ist mit dem ersten Wort, der ersten Geste: Berlin, überkandidelt und aggressiv. Mit ihr und Jutta Lampe (als Anita von Schastorf) befinden sich auch zum ersten Mal an diesem Abend zwei Schauspielerinnen auf der Bühne, mit denen man als Zuschauer gerne ein paar Theaterstunden mehr verbringen würde.