Das Verfahren gegen Erich Mielke – ein makabrer Schauprozeß

Von Rainer Frenkel

Am Ende des ersten Verhandlungstages bietet sich ein makabres Schauspiel: Erich Mielke hockt, vornübergebeugt, in seinem schußsicheren Glaskasten. Die Journalisten, die der Verhandlung im Kriminalgericht Berlin-Moabit zugehört haben, stehen auf, umringen den Angeklagten, drücken ihre Nasen an den Scheiben platt.

Das Objekt ihrer Begierde bleibt teilnahmslos, in sich versunken. Der Mann, gestützt auf einen Stock, murmelt vor sich hin. Der berühmte Lederhut, den er hat aufbehalten dürfen, verdeckt das nach unten geneigte Gesicht. Gelegentlich wiegt der Oberkörper hin und her.

Das soll Erich Mielke sein, der beinahe vier Jahrzehnte lang sein Land mit Spitzeln, Terror und Mord überzogen hat? Nach Erich Honecker war er der zweite Herr im Staat.

Vor diesem Mann, der aussieht wie ein erbarmungswürdiger, vergreister und sterbenskranker Kleinbürger, hat ein ganzes Land gezittert? Unwillkürlich kommt die Erinnerung an Hannah Arendt, die angesichts von Eichmann in Jerusalem von der "Banalität des Bösen" schrieb.

Erich Mielke ist 84 Jahre alt. Sein letzter öffentlicher Auftritt schon hatte Zweifel an seinem Geisteszustand geweckt. Es war am 13.11.1989, als er sich, einige Tage nach seinem Sturz, vor der damaligen Volkskammer zu rechtfertigen suchte. Unter lautem Gelächter und offenkundig ohne die Zweideutigkeit seiner Worte zu bemerken, rief er: "Wir haben, Genossen, äh Abgeordnete, einen außerordentlich hohen Kontakt mit allen werktätigen Menschen." Und später: "Ich liebe, ich liebe doch alle." Schon da schien der Kontakt zur Wirklichkeit gebrochen.